Montag, 28. April 2014

Klartext zu Gender Mainstreaming


In den Medien ist derzeit viel über Sexualerziehung und sexuelle Vielfalt zu lesen. Immer wieder wird in den Beiträgen selbst, oder spätestens in den Kommentaren, ein Bezug zu Gender Mainstreaming hergestellt. Die Strategie wird als „Umerziehungsprogramm“ dargestellt oder es wird suggeriert, dass Gender Mainstreaming bestimmte sexuelle Orientierungen nahelege oder einen Angriff auf die Geschlechtsidentität von Personen darstelle. Da ich seit über zehn Jahren als Gender-Beraterin mit und über Gender Mainstreaming arbeite, wundert mich eine solche Interpretation des Begriffs doch zutiefst. Deswegen hier ein paar klärende Worte zum Thema.


In einem Beitrag von 2004 („Entwicklungslinien: Zur Entstehung von Gender Mainstreaming in internationalen Zusammenhängen“) habe ich erläutert, wie Gender Mainstreaming im Zusammenhang des internationalen Entwicklungsdiskurses und durch die Vereinten Nationen entstanden ist. Deswegen hier noch einmal eine Klarstellung in Form der Übersetzung einer Definition von Gender Mainstreaming des Wirtschafts- und Sozialrats der VN aus dem Jahr 1997: „Mainstreaming einer Gender-Perspektive ist der Prozess, die Auswirkungen für Frauen und Männer jeder geplanten Aktion, einschließlich der Gesetzgebung, Politiken und Programme in jedem Bereich und auf allen Ebenen festzustellen. Es ist eine Strategie, um die Bedürfnisse und Erfahrungen sowohl von Frauen als auch von Männern zur integralen Dimension des Designs, der Umsetzung sowie der laufenden Überprüfung und Evaluierung von Politiken und Programmen zu machen, und zwar in allen politischen, ökonomischen und sozialen Bereichen, sodass sie Frauen und Männer gleichermaßen zugute kommen und Ungleichheit nicht fortgeführt wird. Das ultimative Ziel ist es, die Gleichberechtigung der Geschlechter („gender equality“) zu erreichen.“ (Originaltext und Quelle unten).

Auch wenn das einigen Leuten gleich wieder zu sperrig ist: Der letzte Satz ist zentral, denn Gender Mainstreaming ist eine fachliche Strategie, die auf die Durchsetzung der Gleichberechtigung als Staatsziel abstellt: „Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.“ (aus Art. 3 Abs. 2 des Grundgesetzes, Url: http://www.gesetze-im-internet.de/gg/art_3.html). 

Die internationale Definition ist in den letzten 15 Jahren auch nicht im Sinne eines Umerziehungsprogramms umgedeutet worden. Das zuständige Bundesministerium erklärt Gender Mainstreaming Ende 2012 in oben erläutertem Sinne: „Gender Mainstreaming bedeutet, bei allen gesellschaftlichen Vorhaben die unterschiedlichen Lebenssituationen und Interessen von Frauen und Männern von vornherein und regelmäßig zu berücksichtigen, da es keine geschlechtsneutrale Wirklichkeit gibt.“ (Url: http://www.bmfsfj.de/BMFSFJ/gleichstellung,did=192702.html). Auch hier werden die entsprechenden Rechtsgrundlagen erläutert.


Menschen, denen die Verfassung und die darin garantierten Grundrechte etwas Wert sind, sollten also alarmiert sein, wenn Gender Mainstreaming einseitig und verzerrend dargestellt wird. Oder auch wenn eine Beatrix von Storch (AfD) vom „Gift der Genderideologie“ spricht und dazu aufruft Abgeordnete dazu zu befragen ob sie „die sofortige und uneingeschränkte Beendigung aller Maßnahmen des Gendermainstreaming“ unterstützen (Kath.net vom 3.4.14). 

 
Quellen/weitere Literatur:

  • Behning, Ute/Sauer, Birgit (2005): Was bewirkt Gender Mainstreaming? Evaluierung durch Policy-Analysen. Frankfurt a.M.: Campus Verlag.
  • Bothfeld, Silke/Gronbach, Sigrid/Riedmüller, Barbara (2002): Gender Mainstreaming – eine Innovation in der Gleichstellungspolitik. Zwischenberichte aus der politischen Praxis. Frankfurt a.M.: Campus Verlag,
  • Frey, Regina (2004): Entwicklungslinien: Zur Entstehung von Gender Mainstreaming in internationalen Zusammenhängen. In: Meuser, Michael/Neusüss, Claudia (Hg.): Gender Mainstreaming. Konzepte – Handlungsfelder – Instrumente. Schriftenreihe der Bundeszentrale für Politische Bildung Nr. 418, Bonn, S. 24-39.



Hintergrund:



Die ECOSOC-Definition im Original: “Mainstreaming a gender perspective is the process of assessing the implications for women and men of any planned action, including legislation, policies or programs, in any area and at all levels. It is a strategy for making women’s as well as men’s concerns and experiences an integral dimension of the design, implementation, monitoring, and evaluation of the policies and programs in all political, economic, and societal spheres so that women and men benefit equally, and inequality is not perpetuated. The ultimate goal is to achieve gender equality.” 
Quelle: United Nations Economic and Security Council, E.1997.L.30.Para.4. Adopted by ECOSOC July 7, 1997. Url: http://www.un.org/documents/ecosoc/docs/1997/e1997-66.htm (aufgerufen am 28.04.2014)