Samstag, 1. März 2014

Ein Ministerpräsident ist für DIE Gender-Theorie? Brief an die F.A.Z.

Ab und an lese ich die Printversion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Gestern war hier auf Seite 4 ein Einspalter abgedruckt mit dem lustigen Titel „Kretschmann für Gender-Theorie“. Meine erste Reaktion war: für WELCHE Theorie ist denn nun der Herr Ministerpräsident? Die Inhalte dieses kurzen Einspalters bzw. das, was darin nicht vorkam, veranlassten mich dann doch zu einem Brief an die Redaktion. Sie sollte zumindest die Chance bekommen, ein Thema in seiner Bandbreite darzustellen. Da es durchaus vorkommen könnte, dass der Brief nicht oder deutlich gekürzt abgedruckt werden wird - hier bitteschön:

Sehr geehrte Redaktion,


Sie schreiben, Ministerpräsident Kretschmann habe „…es abgelehnt, die sogenannte Gender-Theorie als theoretische Grundlage des neuen Bildungsplans zu verwerfen“. Dies legt nahe, es gebe eine bestimmte Gender-Theorie und bei dieser wiederum ginge es um …“Phänomene wie ‚Intersexualität‘ oder ‚Transgender‘“. Aus fachlicher Sicht ist diese Darstellung eine starke Verkürzung, denn es gibt zwar die „Gender Studies“ (Geschlechterforschung), diese haben aber keine einheitliche Theorie, sondern befassen sich in unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen mit der gesellschaftlichen Kategorie Geschlecht. Das Verhältnis zwischen biologischem Geschlecht (englisch: Sex) und sozialen Geschlechterverhältnissen (englisch: Gender) war und ist Gegenstand vielfacher Auseinandersetzungen innerhalb der Geschlechterforschung. Mit sexuellen Identitäten bzw. Fragen der Heteronormativität, Intersexualität oder Transgender befassen sich dabei vor allem Queer-Theorien.
Auf Diskreditierungsversuche der Geschlechterforschung haben inzwischen einige französische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler reagiert: In der Petition: „Gender Studies/Geschlechterforschung, Forschung und Bildung/Erziehung: Ein gutes Zusammentreffen“, die inzwischen über 14.000 Personen unterzeichnet haben, heißt es unter anderem: „NEIN, die vorgebliche «Gender-Theorie» existiert nicht, dafür aber existieren die Gender-Studies/Geschlechterforschung. Gender ist ganz einfach ein Konzept, um objektive Realitäten zu denken. Man ist nicht ein Mann oder eine Frau in der gleichen Form im Mittelalter oder heute. Man ist nicht Mann oder Frau in der gleichen Form in Afrika, in Asien, in der afrikanischen Welt, in Schweden, in Frankreich oder in Italien.“
Auch wird in Ihrem Beitrag die Position der Kirchen dargestellt, die in dieser Sache das „Indoktrinationsverbot“ einfordern – also offensichtlich im Vorgehen der baden-württembergischen Landesregierungen einen Indoktrinierungsversuch wittern: „Was in der Wissenschaft kontrovers diskutiert wird, etwa die Gender-Theorie, muss auch im Unterricht kontrovers dargestellt werden.“ Dazu bleibt anzumerken, dass kirchliche Vorstellungen von gesellschaftlichen Geschlechterverhältnissen alles andere als unumstritten sind (auch innerhalb der Kirchen). Wenn, wie hier nahegelegt wird, mit „Gender-Theorie“ eine normative Auffassung darüber gemeint wäre, wie gesellschaftliche Geschlechterverhältnisse auszusehen hätten (was zum Beispiel eine „normale“ Familie sei), dann vertreten auch die Kirchen eine bestimmte „Gender-Theorie“. Möchte man unbedingt Maßstäbe von Wissenschaftlichkeit anlegen, so wäre zu sagen: Kirchliche Vorstellungen zum Thema sind „wissenschaftlich“ weitaus umstrittener, als die Aussage, dass biologische Faktoren gesellschaftliche Handlungsspielräume von Menschen verschiedenen Geschlechts nicht von vorne herein festlegen. Denn dies wiederum ist weit über die Geschlechterforschung hinaus heute wissenschaftlicher Konsens – übrigens auch in naturwissenschaftlichen Fachrichtungen.

Hinweise:

·        Petition: «Les études de genre, la recherche et l’éducation :la bonne rencontre » http://genrerechercheeducationrencontre.unblog.fr/le-texte-national/ - auf Deutsch : http://genrerechercheeducationrencontre.unblog.fr/la-petition-en-allemand/
·        “Gender, Wissenschaftlichkeit und Ideologie – Argumente im Streit um Geschlechterverhältnisse” verfasst von Regina Frey, Marc Gärtner, Manfred Köhnen und Sebastian Scheele, herausgegeben von der Heinrich-Böll-Stiftung/Gunda Werner-Institut. http://www.gwi-boell.de/de/2013/11/20/gender-wissenschaftlichkeit-und-ideologie-argumente-im-streit-um-geschlechterverh%C3%A4ltnisse