Freitag, 7. März 2014

Was will die ZEIT?

In der Wochenzeitschrift DIE ZEIT erschien anlässlich des Internationalen Weltfrauentags ein Beitrag von Mariam Lau mit dem vielsagenden Titel: "Was will das Weib?". Meiner Kollegin Monika Schröttle und mir wurde das einfach zuviel. Unfundiertes Polemisieren statt Recherche wenn es um Geschlechterpolitik geht, das sind wir inzwischen gewöhnt. Die Zeit reiht sich da inzwischen ein, nicht erst seit Harald Martensteins Auslassungen zur Geschlechterforschung im ZEIT-Magazin im letzten Jahr. War die ZEIT nicht einmal ein Blatt für Intellektuelle?  
Hier der Text: 


Internationaler Frauentag: Aufforderung zu einer informierten und differenzierten Berichterstattung zu Geschlechterpolitik und Feminismus

Erwiderung zum Beitrag „Was will das Weib?“ in der ZEIT anlässlich des Internationalen Frauentages 2014

Zum internationalen Frauentag erscheint auf Seite eins der Zeitung „Die Zeit“ ein Beitrag von Mariam Lau mit der Überschrift „Was will das Weib?“ (siehe: http://www.zeit.de/2014/11/feminismus-prostitution-internationaler-frauentag) – ein Kommentar (in der Printfassung nicht als solcher gekennzeichnet), der uninformiert Behauptungen aneinanderreiht. Der Beitrag zeigt: Diese Zeitung beteiligt sich inzwischen ohne jegliche Recherche und Information über den aktuellen Stand geschlechterpolitischer Debatten am allgemeinen „Feminismus-Bashing“. Undifferenziert verbreitet die Autorin Mariam Lau Un- und Halbwahrheiten über „den Feminismus“ und seine vermeintliche Schuld an den derzeitigen Geschlechterbeziehungen. So seien an der Kriminalisierung von Prostitution „die“ Feministinnen schuld, es gebe in Europa inzwischen einen Staatsfeminismus und das Schlimme am Feminismus sei, dass er Misstrauen zwischen den Geschlechtern schaffe. Er verhindere die Suche nach Glück, trage dazu bei, dass Akademikerinnen keine Männer und Kinder mehr bekämen, die Ehen nicht hielten und die Zahl Alleinerziehender hoch sei. Auch die Aufdeckung von Kindesmissbrauch durch Väter und Bademeister in Krimiserien wie dem Tatort schüre das Misstrauen. „Wer sich in Beziehung begibt, kommt darin um“, so ein Fazit der Autorin. Klar, in anderen Ländern wie Ägypten, Saudi-Arabien oder dem Iran, so Lau weiter, sei das Thema wichtig, da dort ja ein blutiger Kampf um die „Verfügung über den weiblichen Körper“ geführt werde. Aber bei uns in Westeuropa stünden „Feministinnen längst auf der historischen Bühne“, wüssten nicht mehr, was zu tun sei und außerdem zeige „sich immer wieder - viele Feministinnen kennen die Frauen eigentlich nicht besonders gut“.
Diese Aussagen werden weder belegt, noch wird ihnen eine andere Meinung gegenübergestellt. Kein Wort davon, dass die Schwedischen Prostitutionsgesetze in feministischen Kreisen kritisch und kontrovers diskutiert wurden, dass es in Deutschland gerade Feministinnen waren, die die Anerkennung von Prostitution als Beruf einforderten, die kontinuierlich nach Wegen der besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf für beide Geschlechter suchen und die sowohl in Wissenschaft wie auch in Politik und Gesellschaft einen Abbau geschlechterstereotyper und –polarisierender Sichtweisen einleiten. Denn erst durch einen Abbau von Diskriminierungen und Gewalt wird die Voraussetzung für ein respektvolles Zusammenleben „auf Augenhöhe“ geschaffen. Kein Wort auch davon, dass vor wenigen Tagen eine große europäische repräsentative Studie der European Union Agency for Fundamental Rights das weiterhin hohe Ausmaß von Gewalt gegen Frauen, auch in den nord- und westeuropäischen Ländern nachgewiesen hat (siehe http://fra.europa.eu/DVS/DVT/vaw.php).
Wer ist Schuld an dem von der Autorin beklagten Misstrauen und Unfrieden im Geschlechterverhältnis? Etwa diejenigen, die diese fortbestehenden Probleme aufdecken, benennen und zu verändern versuchen? Dass die Geschlechterverhältnisse nach wie vor ungleich sind, zeigen viele aktuelle Studien, nicht zuletzt der Gleichstellungsbericht der Bundesregierung (siehe: http://www.bmfsfj.de/BMFSFJ/Service/Publikationen/publikationen,did=174358.html). Warum berichtete die ZEIT eigentlich nicht hierüber?

Schlimm ist nicht, dass es über die Sichtweisen und konkreten Umsetzungswege zur Veränderung der Geschlechterverhältnisse kontroverse Debatten gibt. Schlimm ist aber, dass in einer renommierten Zeitung wie der ZEIT sich Journalistinnen und Journalisten nicht einmal mehr über aktuelle Feminismus-Debatten informieren müssen, bevor sie zum Thema schreiben, sondern platteste Ressentiments und ungeprüfte Klischees über „den Feminismus“ verbreiten dürfen. Der Beitrag in der aktuellen Zeit, zum Anlass des Internationalen Frauentages ist nicht der erste dieser Art und reiht sich in antifeministische Argumentationen ein (siehe dazu auch kritisch den jüngst erschienenen Band, herausgegeben von der Heinrich-Böll-Stiftung unter: http://www.gwi-boell.de/de/2013/11/20/gender-wissenschaftlichkeit-und-ideologie-argumente-im-streit-um-geschlechterverh%C3%A4ltnisse). Der Beitrag folgt einer Linie, die sich in den letzten Jahren in der ZEIT verstärkt hat und durch den polemischen Rundumschlag von Harald Martenstein im ZEIT-Magazin zum Thema Geschlechterforschung („Schlecht – schlechter – Geschlecht“, siehe http://www.zeit.de/2013/24/genderforschung-kulturelle-unterschiede) einen ersten Höhepunkt fand. Das sind keine Einzelfälle, sondern es spiegelt inzwischen eine redaktionelle Grundlinie wieder. Das Fass ist nun übergelaufen.
Wir fordern deshalb anlässlich des Internationalen Frauentages 2014 die Wochenzeitschrift DIE ZEIT auf, künftig informiert, differenziert und wissenschaftlich fundiert über Feminismus und Gleichstellung der Geschlechter zu informieren.

Dr. Monika Schröttle, Interdisziplinäre Gewaltforscherin an den Universitäten Gießen und Erlangen-Nürnberg
Dr. Regina Frey, genderbüro Berlin 


Samstag, 1. März 2014

Ein Ministerpräsident ist für DIE Gender-Theorie? Brief an die F.A.Z.

Ab und an lese ich die Printversion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Gestern war hier auf Seite 4 ein Einspalter abgedruckt mit dem lustigen Titel „Kretschmann für Gender-Theorie“. Meine erste Reaktion war: für WELCHE Theorie ist denn nun der Herr Ministerpräsident? Die Inhalte dieses kurzen Einspalters bzw. das, was darin nicht vorkam, veranlassten mich dann doch zu einem Brief an die Redaktion. Sie sollte zumindest die Chance bekommen, ein Thema in seiner Bandbreite darzustellen. Da es durchaus vorkommen könnte, dass der Brief nicht oder deutlich gekürzt abgedruckt werden wird - hier bitteschön:

Sehr geehrte Redaktion,


Sie schreiben, Ministerpräsident Kretschmann habe „…es abgelehnt, die sogenannte Gender-Theorie als theoretische Grundlage des neuen Bildungsplans zu verwerfen“. Dies legt nahe, es gebe eine bestimmte Gender-Theorie und bei dieser wiederum ginge es um …“Phänomene wie ‚Intersexualität‘ oder ‚Transgender‘“. Aus fachlicher Sicht ist diese Darstellung eine starke Verkürzung, denn es gibt zwar die „Gender Studies“ (Geschlechterforschung), diese haben aber keine einheitliche Theorie, sondern befassen sich in unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen mit der gesellschaftlichen Kategorie Geschlecht. Das Verhältnis zwischen biologischem Geschlecht (englisch: Sex) und sozialen Geschlechterverhältnissen (englisch: Gender) war und ist Gegenstand vielfacher Auseinandersetzungen innerhalb der Geschlechterforschung. Mit sexuellen Identitäten bzw. Fragen der Heteronormativität, Intersexualität oder Transgender befassen sich dabei vor allem Queer-Theorien.
Auf Diskreditierungsversuche der Geschlechterforschung haben inzwischen einige französische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler reagiert: In der Petition: „Gender Studies/Geschlechterforschung, Forschung und Bildung/Erziehung: Ein gutes Zusammentreffen“, die inzwischen über 14.000 Personen unterzeichnet haben, heißt es unter anderem: „NEIN, die vorgebliche «Gender-Theorie» existiert nicht, dafür aber existieren die Gender-Studies/Geschlechterforschung. Gender ist ganz einfach ein Konzept, um objektive Realitäten zu denken. Man ist nicht ein Mann oder eine Frau in der gleichen Form im Mittelalter oder heute. Man ist nicht Mann oder Frau in der gleichen Form in Afrika, in Asien, in der afrikanischen Welt, in Schweden, in Frankreich oder in Italien.“
Auch wird in Ihrem Beitrag die Position der Kirchen dargestellt, die in dieser Sache das „Indoktrinationsverbot“ einfordern – also offensichtlich im Vorgehen der baden-württembergischen Landesregierungen einen Indoktrinierungsversuch wittern: „Was in der Wissenschaft kontrovers diskutiert wird, etwa die Gender-Theorie, muss auch im Unterricht kontrovers dargestellt werden.“ Dazu bleibt anzumerken, dass kirchliche Vorstellungen von gesellschaftlichen Geschlechterverhältnissen alles andere als unumstritten sind (auch innerhalb der Kirchen). Wenn, wie hier nahegelegt wird, mit „Gender-Theorie“ eine normative Auffassung darüber gemeint wäre, wie gesellschaftliche Geschlechterverhältnisse auszusehen hätten (was zum Beispiel eine „normale“ Familie sei), dann vertreten auch die Kirchen eine bestimmte „Gender-Theorie“. Möchte man unbedingt Maßstäbe von Wissenschaftlichkeit anlegen, so wäre zu sagen: Kirchliche Vorstellungen zum Thema sind „wissenschaftlich“ weitaus umstrittener, als die Aussage, dass biologische Faktoren gesellschaftliche Handlungsspielräume von Menschen verschiedenen Geschlechts nicht von vorne herein festlegen. Denn dies wiederum ist weit über die Geschlechterforschung hinaus heute wissenschaftlicher Konsens – übrigens auch in naturwissenschaftlichen Fachrichtungen.

Hinweise:

·        Petition: «Les études de genre, la recherche et l’éducation :la bonne rencontre » http://genrerechercheeducationrencontre.unblog.fr/le-texte-national/ - auf Deutsch : http://genrerechercheeducationrencontre.unblog.fr/la-petition-en-allemand/
·        “Gender, Wissenschaftlichkeit und Ideologie – Argumente im Streit um Geschlechterverhältnisse” verfasst von Regina Frey, Marc Gärtner, Manfred Köhnen und Sebastian Scheele, herausgegeben von der Heinrich-Böll-Stiftung/Gunda Werner-Institut. http://www.gwi-boell.de/de/2013/11/20/gender-wissenschaftlichkeit-und-ideologie-argumente-im-streit-um-geschlechterverh%C3%A4ltnisse