Donnerstag, 3. Oktober 2013

Männer gegen Gleichstellung? Eher: Empirie gegen aufgesexte Schlagzeilen

Ein Gastbeitrag von Sebastian Scheele


„Männer haben genug von Gleichberechtigung“, das berichtet dpa, und viele Medien übernehmen es: Spiegel online, stern, Kölner Stadtanzeiger: „Männern reicht es mit der Emanzipation“... In den Texten sind es dann angeblich immer noch zwei Drittel der Männer, denen es zu viel ist mit der Gleichberechtigung. Was für eine Zahl! Das möchte ich nachlesen. Und was stellt sich heraus? Diese Schlagzeile geht zurück auf ein einziges reißerisch (man könnte auch mit einigem Recht sagen: verfälschend) dargestelltes Item.

Insgesamt geht’s bei der Studie primär überhaupt nicht um Gleichstellungspolitik und Gleichberechtigung, sondern nur um "Rollenverständnis", und um Arbeitsteilung in der heterosexuellen Partnerschaft – nein, sogar nur um EINSTELLUNGEN zur Arbeitsteilung in der Partnerschaft (der Unterschied zwischen Einstellungen und Realität – auch so ein feiner Unterschied, der in der Berichterstattung über sozialwissenschaftliche Studien oft unter die Räder kommt...). Was die ganzen „Rollenfragen“ angeht, ist der Tenor: die Männer sind überfordert aufgrund von double messages, der Gleichzeitigkeit von traditionellen und progressiven (Selbst)Ansprüchen. 
Soweit, so un-neu – und überhaupt kein Befund, der irgendwie gegen Gleichstellungspolitik spricht. Im Gegenteil, man kann über diese Dinge sehr gut ohne antifeministische Schlagseite reden (ich denke spontan z.B. an Michael Meusers Forschung (z.B. hier). Anders: Mit dem Gender-Auge sieht man mehr ;-)

Doch wie kommt es aus der Rollenverständnismeinungsforschung zu den zwei Drittel Männern „gegen Gleichberechtigung“? Die „Bild der Frau“-Ausgabe, die ich heute im Cafe lesen konnte, hilft da nicht viel weiter, da muss ein Blick in die Studie selbst her, von der zumindest ein „Kommentarband“ online ist.
Und siehe da: Die „zwei Drittel der Männer gegen Gleichberechtigung“ finden sich in der Studie selbst überhaupt nicht. Sie gehen zurück auf einen Satz aus dem Vorwort zur Studie, geschrieben von "Bild der Frau"-Redakteur_innen:
"Und trotzdem sagen schon jetzt 64 Prozent der deutschen Männer: „Es reicht mit der Gleichberechtigung!“" (S. 3). Aber: diese Behauptung ist überhaupt nicht gedeckt von der Studie. Wer es genauer nachschauen möchte: die Frage, bei der das angeblich herauskam, findet sich in Schaubild 20 auf Seite 32.
Was richtig ist: wenn man 36% und 28% zusammenzählt, kommt man auf 64%, was „fast zwei Drittel“ ist. Was falsch ist: dass die Mittelgruppe, die mit "Es ist gut so, wie es ist" geantwortet hat, und die im Übrigen die größte Gruppe ist, umstandslos mit der ablehnenden Gruppe "Was da gemacht wird, ist zum Teil schon übertrieben" zusammengefasst wird. Mit genau derselben Berechtigung könnte man die Mittelgruppe mit der zustimmenden Gruppe zusammenzählen - dann wäre die Schlagzeile: "Fast zwei Drittel der Männer fordern eine Fortsetzung oder Intensivierung der Bemühungen um Gleichberechtigung".
Und: Die Fragestellung und die Antwortmöglichkeiten sind missverständlich, oder auf gut soziologisch "nicht valide": Das Messinstrument misst nicht das, was es messen soll. Denn: "Es ist gut so, wie es ist" hat einen unklaren Bezug. Es kann sich auf den Status Quo der Geschlechterverhältnisse beziehen: don't rock the boat, nicht weiter gleichberechtigen, alles so lassen wie es ist. So wird es im Text zum Schaubild erläutert –obwohl dann der Unterschied zur Frage im vorhergehenden Schaubild 19 sehr unklar wird. Und so wird es nun ja auch medial ausgewertet. Es kann sich aber auch auf den Status quo der Gleichberechtigungsbemühungen beziehen, den Handlungsbedarf – so wie es in der Logik der Frage angelegt ist, als Mittelposition zwischen "mehr müsste getan werden" und "es wird schon zu viel getan": es wird gerade richtig viel getan. Also ein Appell zum "weiter so in der Gleichstellungspolitik", wir sind im richtigen Tempo in die richtige Richtung unterwegs usw. usf.

Apropos "Gleichstellung": Ich finde es zudem missverständlich, dass nach "Gleichberechtigung" gefragt ist. Das ist eine enorm unklare Frage: Soll es tatsächlich um die RECHTLICHEN Aspekte von Gleichstellung gehen? Wenn mir diese Frage gestellt würde, und wenn ich die Frage ernst nehme, würde ich vermutlich auch antworten "Es ist gut so, wie es ist" - denn die Gleichberechtigung ist in der Tat eigentlich erreicht, d.h. die weiterhin bestehenden gleichstellungspolitischen Probleme sind nicht primär rechtlicher Natur, sie liegen glücklicherweise nicht mehr in explizit festgeschriebenen unterschiedlichen Rechten von Frauen und Männern (beispielsweise Wahlrecht, Geschäftsfähigkeit etc.). Und zack würde mich Bild der Frau, dpa etc. zur angeblichen antifeministischen Mehrheit zählen, na vielen Dank auch.
Dass die drei Antwortmöglichkeiten auch keine neutral oder symmetrisch formulierten Positionen sind... - ach ich hör jetzt hier mal auf mit den Soziologiebasics. Es ist eine Auftragsarbeit für "Bild der Frau", Forschungsziel: Auflage. Da muss man dann vielleicht einfach hinnehmen, dass die Ergebnisse der Studie auf eine einzige zweifelhafte Zahl reduziert werden, aus der sich irgendwie eine krachende Schlagzeile herauswringen lässt. Und noch schöner lassen sich die ollen Frauen-Männer-Heterodrama-Klischees natürlich mit einer Prise Feminismus-Schelte aufsexen... 

Zur Gemütsaufhellung ein anderer, satirischer Artikel, aus der aktuellen konkret: Dort lässt Barbara Kirchner reichlich Dampf ab gegen die Tabubrechersexisten in den Medien, namentlich Evolutionsexperten wie Harald Martenstein. Im Übrigen ruft ihr Text geradezu nach unser neulich erschienenen Argumentationshilfe zum Unwissenschaftlichkeits-Vorwurf: "Wenn Martenstein wirres Zeug von Tatsachen und Wissenschaft spinnt, muß man ihm Tatsachen und Wissenschaft beibringen." ;-)

In diesem Sinne hier nochmal Werbung für unsere Antwort auf Kirchners Frage "Wo bleibt der Aufschrei, wenn sich Geld- und Hodensäcke über Frauenförderung und Meinungsdeppen über Gender auslassen?": Die Broschüre "Gender, Wissenschaftlichkeit und Ideologie" ist nun auch als Printversion verfügbar.