Donnerstag, 7. März 2013

„Aus für Gender“? Ein deutscher Mythos über einen norwegischen Komiker



Gastbeitrag von Sebastian Scheele

Ein unvoreingenommener, unerschrockener Komiker hinterfragt ganz naiv die politisch korrekte Gehirnwäsche der Gender Studies, entblößt sie in ihrer ganzen Unwissenschaftlichkeit, und siehe da: der Staat hat ein Einsehen und schließt diese Forschungsrichtung. So ungefähr geht der Mythos, den deutsche Antifeminist_innen über die Fernsehserie „Hjernevask“ („Gehirnwäsche“) des Norwegischen Komikers Harald Eia verbreiten: sie habe das Ende des Nordischen Gender Instituts NIKK herbeigeleitet.

Da diese Einschätzung immer wieder aufgewärmt wird (z.B. beim Verein Agens, bei Arne Hoffmann, im österreichischen Kurier), und weil Harald Eia nach seiner Sendereihe auch in verbreiteten deutschen Medien einige Aufmerksamkeit bekam (FAS, Focus), sollen die Vorgänge hier etwas genauer betrachtet werden.

Erstmal zu den nüchternen Fakten: Zum Ende des Jahres 2011 wurde die Förderung für das NIKK (Nordic Gender Institute) durch den Nordischen Rat (einer zwischenstaatlichen Institution der Regierungen von Dänemark, Finnland, Island, Norwegen und Schweden) eingestellt. Selbstverständlich ist es relevant, die Hintergründe solcher Schließungen zu kennen und sie einordnen zu können. Dazu gehören auch mediale und öffentliche Debatten, auch Fernsehsendungen können dazu beitragen. In diesem Sinne ist die Sendung auch in den norwegischen Gender Studies diskutiert worden. Beispielsweise findet sich im Jahresbericht des „Norwegian Network for GenderStudies“ 2010 auf Seite 3 der Hinweis, dass im Rahmen der Debatten über die Sendung eine Diskussionsveranstaltung mit einer Geschlechterforscherin und einer Biologin organisiert wurde.

Es gab also in Norwegen eine breite öffentliche Debatte über die Sendung. Aber hat Harald Eia dadurch tatsächlich die Schließung des NIKK verursacht? Oder ist hier vielleicht der Wunsch Vater (oder Mutter?) des Gedankens: eine Phantasie von Handlungsfähigkeit und Einfluss mit schwärmerischen Überlegungen, wann es in Deutschland einen wie Eia gebe? Doch zurück zu den Fakten: Zu den Fakten gehört, dass die Förderung des NIKK nach einer Evaluation durch die Unternehmensberatung Ramböll beendet wurde. Wer möchte, kann die Entscheidung im Originaldokument nachlesen: In diesem Bericht wird unterstrichen, dass Institutionen notwendig sind, die Forschung aus den Gender Studies sowie relevante Rechtssetzung zusammenstellen und verbreiten. Das NIKK habe jedoch seine Brückenfunktion zwischen Wissenschaft und politischem System nicht erfolgreich genug erfüllt, so die Evaluation. Der Verein Agens selbst hat eine automatische Übersetzung der Entscheidung online gestellt. Das NIKK ist im übrigen mittlerweile an das SwedishSecretariat for Gender Research angebunden, was einmal mehr verdeutlicht, dass es eher um eine Umstrukturierung als eine inhaltliche Kehrtwende zu gehen schien. Man könnte natürlich kontrovers drüber diskutieren, ob und wie die Maßstäbe, die Unternehmensberatungen an die Welt anlegen, angemessen sind für den Bereich Wissenschaft. Mit der Kritik irgendeines Komikers hätte eine solche Diskussion jedoch eher wenig zu tun.

Aber vielleicht ist das Dokument ja geschönt? Vielleicht wird der Einfluss Eias dort verheimlicht? Suchen wir nach weiteren Indizien. Was sagt denn Wikipedia? Die deutschsprachige Seite zu Harald Eia beschäftigt sich zu einem Großteil mit seiner Sendung „Gehirnwäsche“. Hier findet sich auch der Schließungs-Kausalitäts-Mythos, wenn auch abgeschwächt als Vermutung:
Die Debatte soll zur Schließung des vom Nordischen Ministerrat gegründeten und an der Universität Oslo angesiedelten Gender-Instituts im Dezember 2011 beigetragen haben.
Die Diskussionsseite zum Artikel  dreht sich ausschließlich um die NIKK-Schließungs-Kausalität. Auf der englischsprachigen Wikipedia-Seite zu Harald Eia wird auf diese Sendung auch ausführlich eingegangen, ein Zusammenhang zur NIKK-Schließung wird dort jedoch nicht erwähnt. Auf der schwedischen und der norwegischen Seite wird die Sendung jeweils nur kurz genannt, das NIKK taucht hier überhaupt nicht auf.

Es gibt allerdings in manchen Sprachen eine eigene Seite über die Sendung, wo etwas ausführlicher berichtet wird. Dort wäre doch genau der richtige Ort für Informationen über Rezeption und Wirkung der Sendung. Auf der englischen Seite zu "Gehirnwäsche" gibt es keinen Hinweis auf die NIKK-Schließung. Für die norwegischen Seite gilt dasselbe. Auf der schwedischen Seite wird der Kausalitäts-Mythos erwähnt – nur um ihn direkt als „Missverständnis“ zurückzuweisen, mit Bezug auf Arvid Hallén vom norwegischen Forschungsrat.

Man könnte nun einwerfen, dass Wikipedia permanent überarbeitet wird, und dass dort manchmal regelrechte „edit wars“ herrschen. Vielleicht haben z.B. Gender-Forscher_innen die Kausalität aus den Artikeln getilgt? Wenn man in die Versionsgeschichten schaut, fällt jedoch auf, dass es dort keinerlei Kontroversen um die NIKK-Schließungs-Kausalität gab – niemand hat sie hineingeschrieben, niemand hat sie wieder herausgenommen. Dies gilt für die englische, wie auch die norwegische Seite. Nur auf der schwedischen Seite erwähnt eine Person die Vorstellung einer Kausalität – nur um sie mit der besagten Quelle vom Forschungsrat zurückzuweisen, was seitdem niemand mehr geändert hat.

Was geben denn die Seiten zum NIKK selbst her? Wird dort berichtet, dass die Fernsehsendung zur Schließung beigetragen hat? Zum NIKK selbst gibt es keine deutschsprachige Seite. Die englischsprachige Seite enthält die Kausalität:
The public debate in response to the 7-part documentary series "Hjernevask" (brainwashing) of the comedian and sociologist Harald Eia, which aired in spring 2010 in the Norwegian television NRK had influence on the closing.“
Die norwegische Seite erwähnt den Komiker und seine Sendung überhaupt nicht – und die schwedische , dänische, finnische ebenfalls nicht. Auf all diesen skandinavischen Seiten haben keinerlei „edit wars“ stattgefunden, die Änderungen an den Artikeln bezogen sich nicht auf die Gründe der Schließung. 

Die Bilanz dieser Wikipedia-Durchsicht: In den skandinavischen Artikeln, die eigentlich näher an den Geschehnissen vor Ort sein dürften, findet sich die Kausalität nicht, ja nicht einmal Debatten um diese Kausalität. Nur ein englischer Artikel und ein deutscher Artikel behaupten – in unterschiedlicher Vorsichtigkeit – eine Kausalität zwischen „Gehirnwäsche“ und NIKK-Schließung. Gleichzeitig wird der englische Artikel in der Diskussion um den deutschen als Beleg herangezogen. Offensichtlich haben ausschließlich deutsch- und englischsprachige Autor_innen versucht, diese Kausalität enzyklopädisch festzuschreiben.
Aber dort sind ja zudem noch zwei skandinavische Medienberichte angegeben. Was geben die in der Frage her?

Der Bericht in der schwedischen liberal-konservativen Zeitung Svenska Dagbladet bedient eher den Mythos, als ihn zu belegen. Im Tonfall eines Gerüchts wird behauptet, dass die Schließung durch die Sendung ausgelöst worden sein soll. Hauptsächlich zielt der Artikel unter der Überschrift „Wie geht es Norwegen ohne Gender Studies?“ darauf ab, die norwegischen Vorgänge für Seitenhiebe gegen die Gender Studies in Schweden zu nutzen – Norwegen hätte erkannt, dass die Gender Studies eine „Ideologie“ seien, eine solche Bewertung sei auch in Schweden an der Zeit.

Im Artikel in der größten norwegischen Zeitung Aftenposten wird rekapituliert, dass „Gehirnwäsche“ eine heftige Debatte in Norwegen ausgelöst hat. Die Debatte habe dem Ruf der Geschlechterforschung geschadet, sagt Marit Aure von der Association for Gender Research in Norway (FOKK). Die Sendung habe zudem die Gender Studies als viel größer dargestellt, als sie tatsächlich seien. Aber bei der Schließung des NIKK habe die Fernsehsendung keine Rolle gespielt: Anders Hanneborg vom Forschungsrat, in dem die Schließung beschlossen wurde, wird direkt auf den Einfluss der Debatte um die Fernsehsendung befragt, und antwortet, dass dies kein Teil der Diskussion im Forschungsrat war.

Zudem werden im englischsprachigen Wikipedia-Artikel noch zwei parlamentarische Quellen angegeben – jedoch nicht als Beleg für die NIKK-Schließungs-Kausalität, sondern nur als Beleg dafür, dass die Sendung breit diskutiert wurde.
Das ist zum einen das Protokoll einer Fragestunde im norwegischen Parlament am 28.4.2010. Tord Lien von der rechtspopulistischen Fremskrittspartiet („Fortschrittspartei“) bezieht sich in seiner Frage an die Regierung positiv auf Eias Sendung. Dort sei dargestellt worden, dass die norwegischen Gender Studies politisiert und international nicht relevant seien sowie dass ihre Vermittlung schlecht sei, und fordert, sie gründlich evaluieren zu lassen. Die Antwort der Staatsrätin Tora Aasland ist sachlich-ablehnend: Anders als die Fortschrittspartei sei sie nicht der Meinung, dass es Aufgabe der Regierung sei, in die Inhalte von Forschung zu intervenieren, zur Evaluation gebe es entsprechende wissenschaftliche Einrichtungen, in entsprechende Verfahren sei Geschlechterforschung wie alle anderen Forschungsrichtungen auch eingebunden. Zu Eias Sendung führt sie im Übrigen aus, dass sie das Bemühen schätze, Forschung zu popularisieren – jedoch müsse auf die Wortwahl geachtet werden. Eia selbst wie auch der Rundfunkrat hätten eingeräumt, dass das Programm-Konzept eher dazu geeignet gewesen sei zu exponieren, nicht zu nuancieren. Das Fernsehen sei ein mächtiges Medium, es dürfe nicht für Angriffe auf Personen genutzt werden.
Eine erfolgreiche parlamentarische Initiative klingt in meinen Ohren anders.

Das zweite Dokument vom 8.6.2010 ist das Protokoll einer parlamentarischen Anfrage zum Thema Jungen imBildungssystem. Henning Waroe von der konservativen Partei Høyre („Rechte“) erwähnt darin einmal zustimmend die Sendung – sie habe eine Diskussion über die biologischen Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen möglich gemacht. Weiter geht er nicht auf die Sendung ein, und das NIKK wird nicht erwähnt, geschweige denn die Forderung es zu schließen.

Nach der Sichtung aller angegebenen Quellen kann ich keinen Beleg für die NIKK-Schließungs-Kausalität erkennen. Wenn man keine Informationen zu einem Phänomen findet, kann man daraus verschiedene Schlussfolgerungen ziehen. Eine Möglichkeit wäre: diese Informationen werden unterdrückt, unterschlagen, zensiert. Eine andere Möglichkeit ist: das Phänomen existiert einfach nicht. Im Fall der NIKK-Schließungs-Kausalität ist das die naheliegendere.

Es steht zu befürchten, dass Teile der antifeministischen Szene weiterhin lieber an den konstruierten Zusammenhang glauben. Es passt einfach alles zu schön: Vor Eia gab es nie eine Debatte um die Gender Studies (Tabu!), Eia legte mutig die Fakten auf den Tisch (Tabubruch!) und die Politik musste reagieren (Der Kaiser ist nackt!). Aber die Mainstream-Medien berichten nicht über diesen Zusammenhang (Schweigekartell!), die Feminist_innen löschen ihn aus Wikipedia (Vertuschung!) – und jetzt wird hier im genderbüro-blog dagegen angeschrieben (Also muss was dran sein!)... Manche Weltwahrnehmungen sind einfach nicht falsifizierbar.

Vielleicht an dieser Stelle nur noch eine kleineres, leicht falsifizierbares Detail: das auf der Homepage von Agens e.V. behauptete angebliche NIKK-„Jahresbudget von 56 Millionen“. Unvoreingenommene Leser_innen fragen sich womöglich, welche Währung denn diese „56 Millionen“ hatten. Wer jedoch eine Sensation lesen möchte, lässt sich von solchen Kleinigkeiten nicht abhalten. In Deutschland redet die antifeministische Szene seitdem gern von "56 Millionen Euro" (Magazin "eigentümlich frei") – in Wahrheit waren es Norwegische Kronen, wie auch manchen antifeministischen Seiten nicht entgangen ist (DIJG). Das sind übrigens umgerechnet ungefähr 7,6 Millionen Euro, also nichtmals ein Siebtel der Summe in Euro. Sicherlich hat Agens e.V. einfach vergessen, die Währung anzugeben. Schade nur, dass das „Jahresbudget“ auch nicht stimmt; es handelt sich um das Budget für 4 Jahre, wie beispielsweise der österreichische Kurier – für seinen generell sehr Eia-freundlichen Artikel – recherchiert hat. Das wären dann also ca. 1,9 Mio Euro Jahresbudget; die suggerierten 56 Mio Euro pro Jahr sind also fast um den Faktor 30 zu hoch. Das ist ein nicht allzu gewissenhafter Umgang mit den Fakten, und illustriert den Wunsch nach einem erbaulichen Mythos: je größer der Feind, desto heldenhafter Eias Tat.

Gerüchtebasierte Kausalitäten, Ignoranz gegenüber unpassenden Informationen, irreführende Auslassungen: Warum sich von den Fakten den schönen Mythos kaputtmachen lassen? Derartige Behauptungen lassen sich natürlich leichter in die Welt setzen, als sie wieder durch Recherche aus der Welt zu schaffen. Aber vielleicht trägt dieser Beitrag ja dazu bei, dass dieser deutsche Helden-Mythos über einen norwegischen Komiker sich nicht weiterverbreitet.

Für die Hilfe mit den skandinavischen Sprachen möchte ich J. ganz herzlich danken.

Zur besseren Lesbarkeit wurden die jeweiligen Quellen direkt im Text verlinkt. Alle Seitenaufaufrufe vom 06.03.2013.