Donnerstag, 3. Oktober 2013

Männer gegen Gleichstellung? Eher: Empirie gegen aufgesexte Schlagzeilen

Ein Gastbeitrag von Sebastian Scheele


„Männer haben genug von Gleichberechtigung“, das berichtet dpa, und viele Medien übernehmen es: Spiegel online, stern, Kölner Stadtanzeiger: „Männern reicht es mit der Emanzipation“... In den Texten sind es dann angeblich immer noch zwei Drittel der Männer, denen es zu viel ist mit der Gleichberechtigung. Was für eine Zahl! Das möchte ich nachlesen. Und was stellt sich heraus? Diese Schlagzeile geht zurück auf ein einziges reißerisch (man könnte auch mit einigem Recht sagen: verfälschend) dargestelltes Item.

Insgesamt geht’s bei der Studie primär überhaupt nicht um Gleichstellungspolitik und Gleichberechtigung, sondern nur um "Rollenverständnis", und um Arbeitsteilung in der heterosexuellen Partnerschaft – nein, sogar nur um EINSTELLUNGEN zur Arbeitsteilung in der Partnerschaft (der Unterschied zwischen Einstellungen und Realität – auch so ein feiner Unterschied, der in der Berichterstattung über sozialwissenschaftliche Studien oft unter die Räder kommt...). Was die ganzen „Rollenfragen“ angeht, ist der Tenor: die Männer sind überfordert aufgrund von double messages, der Gleichzeitigkeit von traditionellen und progressiven (Selbst)Ansprüchen. 
Soweit, so un-neu – und überhaupt kein Befund, der irgendwie gegen Gleichstellungspolitik spricht. Im Gegenteil, man kann über diese Dinge sehr gut ohne antifeministische Schlagseite reden (ich denke spontan z.B. an Michael Meusers Forschung (z.B. hier). Anders: Mit dem Gender-Auge sieht man mehr ;-)

Doch wie kommt es aus der Rollenverständnismeinungsforschung zu den zwei Drittel Männern „gegen Gleichberechtigung“? Die „Bild der Frau“-Ausgabe, die ich heute im Cafe lesen konnte, hilft da nicht viel weiter, da muss ein Blick in die Studie selbst her, von der zumindest ein „Kommentarband“ online ist.
Und siehe da: Die „zwei Drittel der Männer gegen Gleichberechtigung“ finden sich in der Studie selbst überhaupt nicht. Sie gehen zurück auf einen Satz aus dem Vorwort zur Studie, geschrieben von "Bild der Frau"-Redakteur_innen:
"Und trotzdem sagen schon jetzt 64 Prozent der deutschen Männer: „Es reicht mit der Gleichberechtigung!“" (S. 3). Aber: diese Behauptung ist überhaupt nicht gedeckt von der Studie. Wer es genauer nachschauen möchte: die Frage, bei der das angeblich herauskam, findet sich in Schaubild 20 auf Seite 32.
Was richtig ist: wenn man 36% und 28% zusammenzählt, kommt man auf 64%, was „fast zwei Drittel“ ist. Was falsch ist: dass die Mittelgruppe, die mit "Es ist gut so, wie es ist" geantwortet hat, und die im Übrigen die größte Gruppe ist, umstandslos mit der ablehnenden Gruppe "Was da gemacht wird, ist zum Teil schon übertrieben" zusammengefasst wird. Mit genau derselben Berechtigung könnte man die Mittelgruppe mit der zustimmenden Gruppe zusammenzählen - dann wäre die Schlagzeile: "Fast zwei Drittel der Männer fordern eine Fortsetzung oder Intensivierung der Bemühungen um Gleichberechtigung".
Und: Die Fragestellung und die Antwortmöglichkeiten sind missverständlich, oder auf gut soziologisch "nicht valide": Das Messinstrument misst nicht das, was es messen soll. Denn: "Es ist gut so, wie es ist" hat einen unklaren Bezug. Es kann sich auf den Status Quo der Geschlechterverhältnisse beziehen: don't rock the boat, nicht weiter gleichberechtigen, alles so lassen wie es ist. So wird es im Text zum Schaubild erläutert –obwohl dann der Unterschied zur Frage im vorhergehenden Schaubild 19 sehr unklar wird. Und so wird es nun ja auch medial ausgewertet. Es kann sich aber auch auf den Status quo der Gleichberechtigungsbemühungen beziehen, den Handlungsbedarf – so wie es in der Logik der Frage angelegt ist, als Mittelposition zwischen "mehr müsste getan werden" und "es wird schon zu viel getan": es wird gerade richtig viel getan. Also ein Appell zum "weiter so in der Gleichstellungspolitik", wir sind im richtigen Tempo in die richtige Richtung unterwegs usw. usf.

Apropos "Gleichstellung": Ich finde es zudem missverständlich, dass nach "Gleichberechtigung" gefragt ist. Das ist eine enorm unklare Frage: Soll es tatsächlich um die RECHTLICHEN Aspekte von Gleichstellung gehen? Wenn mir diese Frage gestellt würde, und wenn ich die Frage ernst nehme, würde ich vermutlich auch antworten "Es ist gut so, wie es ist" - denn die Gleichberechtigung ist in der Tat eigentlich erreicht, d.h. die weiterhin bestehenden gleichstellungspolitischen Probleme sind nicht primär rechtlicher Natur, sie liegen glücklicherweise nicht mehr in explizit festgeschriebenen unterschiedlichen Rechten von Frauen und Männern (beispielsweise Wahlrecht, Geschäftsfähigkeit etc.). Und zack würde mich Bild der Frau, dpa etc. zur angeblichen antifeministischen Mehrheit zählen, na vielen Dank auch.
Dass die drei Antwortmöglichkeiten auch keine neutral oder symmetrisch formulierten Positionen sind... - ach ich hör jetzt hier mal auf mit den Soziologiebasics. Es ist eine Auftragsarbeit für "Bild der Frau", Forschungsziel: Auflage. Da muss man dann vielleicht einfach hinnehmen, dass die Ergebnisse der Studie auf eine einzige zweifelhafte Zahl reduziert werden, aus der sich irgendwie eine krachende Schlagzeile herauswringen lässt. Und noch schöner lassen sich die ollen Frauen-Männer-Heterodrama-Klischees natürlich mit einer Prise Feminismus-Schelte aufsexen... 

Zur Gemütsaufhellung ein anderer, satirischer Artikel, aus der aktuellen konkret: Dort lässt Barbara Kirchner reichlich Dampf ab gegen die Tabubrechersexisten in den Medien, namentlich Evolutionsexperten wie Harald Martenstein. Im Übrigen ruft ihr Text geradezu nach unser neulich erschienenen Argumentationshilfe zum Unwissenschaftlichkeits-Vorwurf: "Wenn Martenstein wirres Zeug von Tatsachen und Wissenschaft spinnt, muß man ihm Tatsachen und Wissenschaft beibringen." ;-)

In diesem Sinne hier nochmal Werbung für unsere Antwort auf Kirchners Frage "Wo bleibt der Aufschrei, wenn sich Geld- und Hodensäcke über Frauenförderung und Meinungsdeppen über Gender auslassen?": Die Broschüre "Gender, Wissenschaftlichkeit und Ideologie" ist nun auch als Printversion verfügbar.

Sonntag, 29. September 2013

Gleichstellung - jetzt... Gleichstellungspolitik stärken

Dieses Mal nur ein kurzer Hinweis auf eine Initiative, die derzeit meine Ressourcen ein wenig bindet: Gleichstellung jetzt. Unterstützung ist willkommen!

Zum Hintergrund:
Der Vorschlag „Gleichstellung jetzt – Gleichstellungspolitik stärken“ ist Ergebnis eines Diskussionsprozesses einiger Unterzeichnerinnen und Unterzeichner und weiterer Gender- und Gleichstellungsfachleute. Wir finden, dass es nun an der Zeit ist, den Verfassungsauftrag der Gleichberechtigung von Frauen und Männern ernst zu nehmen und ihn wirkungsvoll umzusetzen.
Wenn Sie unsere Auffassung teilen, möchten wir Sie bitten:
  • den Vorschlag mit zu zeichnen (Details unten).
  • den Vorschlag gezielt an Personen weiterzuleiten, die Einfluss auf Gleichstellungspolitik und auf die Koalitionsverhandlungen haben.
  • den Vorschlag in gleichstellungspolitischen Netzwerken möglichst breit zu verteilen und bekannt zu machen.
  • den Vorschlag über geeignete Kanäle zu veröffentlichen; z.B. auf die Webseite Ihrer Institution stellen, twittern, interessierte Journalistinnen und Journalisten zur Berichterstattung animieren.
Eine zentrale Koordination im Sinne einer klassischen Kampagne kann es aus Kapazitätsgründen nicht geben. Lassen Sie sich daher von "Schwärmen", "Rizomen", "Ameisentaktiken" oder weiteren Metaphern Ihrer Wahl inspirieren und verschaffen Sie dem Vorschlag für eine stärkere Gleichstellungspolitik mehr Gehör.

Wer diesen Vorschlag unterzeichnen möchte, schickt bitte eine E-Mail mit Namen (ggf. Titel, Vorname, Name und ggf. Funktion) an die Emailadresse: gleichstellung-jetzt@gmx.de

Montag, 29. Juli 2013

Exzesse des Gender-Marketing – Teil 2: Senf!



Neulich in einem großen Lebensmittelgeschäft in Bernau:  Auf der Einkaufsliste steht unter anderem Senf. Die erschlagende Warenvielfalt macht die Kaufentscheidungen nicht unbedingt einfach, es gibt Senf in gefühlten 80.000 Variationen. Da entdecke ich tatsächlich „Männersenf“ und „Frauensenf“.   Die Inhaltsstoffe sind nahezu identisch, der Senf für Frauen wird jedoch als „scharf“ deklariert (siehe Abbildung).



Das wirft Fragen auf:

  •  Haben Frauen und Männer tatsächlich einen unterschiedlichen Senfgeschmack (und wurde das von der Firma Tons empirisch erhoben)?
  •  Will die in Pt. 1 genannte Firma den orientierungslosen Käuferinnen und Käufern einfach die Entscheidung einfacher machen? Oder um was geht es hier?
  • Wie verkaufen sich Frauen- und Männersenfe denn so?
  • Wieso gibt es kein Frauensenfregal (vorzugsweise in pink mit pikanter Note und geschwungenen Schriftzügen) und ein Männersenfregal (in satt dunkel gehaltenen Farbtönen mit möglichst markanten Schriftzügen)?
  • Wenn es selbst beim Senf eine Geschlechterdifferenz geben soll: Wäre es dann nicht konsequent den ganzen Supermarkt in Frauen- und Männerprodukte bzw. -abteilungen einzuteilen - so ähnlich wie in der Bekleidungsbranche?
Da ich diese Geschlechterdramatisierung merkwürdig finde, greife ich einfach zu dem Senf, der bodenständig als „mittelscharf“ ausgewiesen wird und dessen Verpackung zudem nach Gebrauch  als formschönes Trinkgefäß dienen kann. Haben schon meine Eltern gerne gekauft. 



P.S.: Informationen zum Thema geschlechts- und alterbezogene Unterschiede beim Essen und Trinken gibt es in der Verzehrsstudie II (2008).

Mittwoch, 24. April 2013

Wenn zwei das Gleiche tun - Teil 7: Als Ehepaar die Einkommensteuer erklären

Jedes Jahr wieder: Einkommensteuererklärung vorbereiten. Meine Steuerberaterin hat mir eine Checkliste geschickt, praktisch. Da stolpere ich über diese Formulierung:

A. Allgemeine Angaben / Angaben zu Personen:
-...
II. Steuerpflichtige/r; Ehemann
 - ...
III. Ehefrau
- ...
IV. Kinder

Ich weiß nicht, wie das anders zu lesen sein kann als: Steuerpflichtig ist zunächst der Ehemann, der dann eine im Trend nicht steuerpflichtige Ehefrau hat? Was ist aber, wenn die Ehefrau steuerpflichtig ist, und der Ehemann ist es nicht? Also z. B. wenn sie die Familie ernährt und er einen Minijob hat? (soll ja vorkommen) Wird dann der Mann zur "Ehefrau"? Oder kommt der Mann sowieso immer zuerst, egal in welcher Steuerzahlerrolle er ist? Warum ist die Ehegattin quasi qua Formular nie selbst steuerpflichtig? Fragen über Fragen.
Aber vieleicht hat da einfach die Steuerberaterin etwas missverstanden und wir schauen mal direkt beim Finanzministerium nach. Hier steht es aber ähnlich:

"Steuerpflichtige Person, bei Ehegatten: Ehemann
 ...
bei Ehegatten: Ehefrau" (Fettung im Original)
usw. 
Quelle: "Formular-Management-System der Bundesfinanzverwaltung"


Also: Das mit der Gleichbehandlung im Steuersystem drückt sich hier nicht aus. Erst der Mann, der dem Personenkreis der Steuerpflichtigen zugeordnet ist, dann die Frau (die selbst nicht steuerpflichtig zu sein scheint) und dann die Kinder. Fertig ist das Bild der Familie mit männlichem (Haupt-)Ernährer.
 
Dazu passt: Im soeben vom Wirtschaftsministerium veröffentlichten "Nationalen Reformprogramm 2013" wird auf das Thema Ehegattensplitting eingegangen, das bekanntermaßen ziemlich in die Kritik geraten ist. Hier wird das Splitting verteidigt:

"Grundsätzlich können Ehepartner entscheiden, ob sie zusammen unter Anwendung des Splitting-Verfahrens oder jeweils einzeln zur Einkommensteuer veranlagt werden wollen. Das Ehegattensplitting belässt den Ehegatten – ohne eine ertragsteuerliche Schlechterstellung befürchten zu müssen – die freie Entscheidung darüber, welchen Anteil sie jeweils zum Familieneinkommen und zur Familienarbeit beitragen wollen. Das Ehegattensplitting ist insofern ein neutrales Verfahren, als es die Besteuerung nicht geschlechtsspezifisch daran orientiert, welcher Ehepartner Erwerbseinkünfte erzielt." (NRP 2013, S. 15)



Wenn das aber alles so neutral ist, warum sind dann die Formulare nicht neutral? Die hier beschworene "freie Entscheidung" hört offensichtlich spätestens beim Ausfüllen eines Formulars auf.


Weitere Lesehinweise:
WSI-Mitteilungen Ausgabe 03/2013: Vom Ernährerlohn zum Familieneinkommen? Url: 
http://www.boeckler.de/wsi_42644.htm

Maria Wersig in APuZ: (Gerechtigkeits-)prinzipien des deutschen Steuersystems. Url:  http://www.bpb.de/apuz/155703/gerechtigkeits-prinzipien-des-deutschen-steuersystems 

Danke an Irene Pimminger für den Hinweis auf die Passage im NRP zum Ehegattensplitting.

Freitag, 8. März 2013

Unisex-Mainstream bei Bild




Es kursieren in den Medien viele Merkwürdigkeiten über Gender, aber die Bild-Zeitung übertrifft sich bei diesem Thema selbst in Sachen Verdrehung. Vor ein paar Tagen berichtete das Blatt ganz aufgeregt über den Beschluss des Bezirks Friedrichhain-Kreuzberg in öffentlichen Gebäuden Unisex-Toiletten einzurichten – neben den bestehenden Frauen- und Männerklos wohlgemerkt. Ich kann die Aufregung darüber nicht verstehen. Sehr wohl kann ich mich darüber aufregen, dass Bild behauptet, „Hintergrund der Initiative sind Forderungen nach weiterer Angleichung der Geschlechterrollen (Fachbegriff: `Gender Mainstream´).“ (Quelle: siehe unten)
  
Im Beschluss des Bezirks steht nichts von Gender Mainstreaming. Alleine die Verbindung ist also falsch. Aber die Bild setzt noch eins drauf und erklärt uns Gender Mainstreaming als wären sie jetzt die Fachexpertise in Person. GM wird so erklärt: „wörtlich `Geschlechter-Vereinfachung´, beruht auf dem Gedanken, dass Geschlechter-Unterschiede mehr auf kulturellen als auf biologischen tatsachen beruhen.“ (@Bild: Tatsache ist, dass Tatsache groß geschrieben wird). Und weiter: „Ziel ist, die in der Gesellschaft verbreiteten kulturellen Unterschiede zwischen Mann und Frau zu beseitigen.“


Wenn es nach der Bild geht, bezieht sich also „Mainstream“ auf Menschen: Durch die Beseitigung von Unterschieden wird Gleichheit quasi erzwungen, also Unisex-Mainstream. Das ist FALSCH. Ein Blick in den Brockhaus hätte genügt, da seht zu GM: „Politische Strategie zur Gleichstellung der Geschlechter“ (2010: Bd. 8, Seite 2565). Es steht dort NICHT. „Angleichung der Geschlechter“, wie das bei Bild z lesen ist: „Bisweilen treibt das Angleichungs-Streben bizarre Blüten“ (usw. usf.).

Vielleicht ist der Brockhaus zu intellektuell für die Bild-Redaktion, alternativ lässt sich in Sachen GM auch online recherchieren. Wobei es sich empfiehlt nach seriösen (!) Quellen zu suchen. Die Bundeszentrale für Politische Bildung kann als solche bezeichnet werden; sie definiert Gender Mainstreaming so: „Gender Mainstreaming bedeutet, dass die Politik, dass aber auch Organisationen und Institutionen jegliche Maßnahmen, die sie ergreifen möchten, hinsichtlich ihrer Auswirkungen auf die Gleichstellung von Frauen und von Männern untersuchen und bewerten sowie gegebenenfalls Maßnahmen zur Gleichstellung ergreifen“ (bpb, ohne Jahr). Hier wird deutlich: Das MainstreamING bezieht sich auf Verfahren und Entscheidungsprozesse – und nicht auf arme Bildzeitungslesende mit Ängsten vor uneindeutigen Geschlechtszuordnungen. Aber Verfahren und Prozesse sind natürlich etwas abstrakter als eine „Geschlechter-Vereinfachung“...

Und zuletzt: Die Logik des Beitrags ist in sich nicht schlüssig. Wenn es wirklich um eine ANGLEICHUNG ginge, dann würde es doch nur noch eine Toiletten-Form geben, oder? Alle müssten „mainstream“-mäßig die Unisex-Toilette benutzen (wie wir das zum Beispiel aus charmanten Pariser Cafés kennen, da gibt es in der Regel eine einzige winzige Toilette). Die Einrichtung von zusätzlichen Unisex-Toiletten ist nach meinem Verständnis keine Angleichung, sondern eine Ausdifferenzierung. Und genau so steht es auch im Beschluss: „Der Antrag sieht vor, dass nach wie vor eine ausreichende Anzahl binär-geschlechtergetrennter Toiletten existiert. Somit ist niemand gezwungen, eine Unisextoilette zu benutzen, wenn er oder sie sich damit unwohl fühlt. Die Wahlmöglichkeiten werden hingegen erweitert.“

Warum also die Aufregung? Als Berliner Steuerzahlerin wäre meine Einschätzung: Ein Skandal wäre das alles erst, wenn durch die Einrichtung von Unisex-Toiletten der Bau des neuen Berliner Flughafens erheblich verzögert würde.

Quellen: 

Donnerstag, 7. März 2013

„Aus für Gender“? Ein deutscher Mythos über einen norwegischen Komiker



Gastbeitrag von Sebastian Scheele

Ein unvoreingenommener, unerschrockener Komiker hinterfragt ganz naiv die politisch korrekte Gehirnwäsche der Gender Studies, entblößt sie in ihrer ganzen Unwissenschaftlichkeit, und siehe da: der Staat hat ein Einsehen und schließt diese Forschungsrichtung. So ungefähr geht der Mythos, den deutsche Antifeminist_innen über die Fernsehserie „Hjernevask“ („Gehirnwäsche“) des Norwegischen Komikers Harald Eia verbreiten: sie habe das Ende des Nordischen Gender Instituts NIKK herbeigeleitet.

Da diese Einschätzung immer wieder aufgewärmt wird (z.B. beim Verein Agens, bei Arne Hoffmann, im österreichischen Kurier), und weil Harald Eia nach seiner Sendereihe auch in verbreiteten deutschen Medien einige Aufmerksamkeit bekam (FAS, Focus), sollen die Vorgänge hier etwas genauer betrachtet werden.

Erstmal zu den nüchternen Fakten: Zum Ende des Jahres 2011 wurde die Förderung für das NIKK (Nordic Gender Institute) durch den Nordischen Rat (einer zwischenstaatlichen Institution der Regierungen von Dänemark, Finnland, Island, Norwegen und Schweden) eingestellt. Selbstverständlich ist es relevant, die Hintergründe solcher Schließungen zu kennen und sie einordnen zu können. Dazu gehören auch mediale und öffentliche Debatten, auch Fernsehsendungen können dazu beitragen. In diesem Sinne ist die Sendung auch in den norwegischen Gender Studies diskutiert worden. Beispielsweise findet sich im Jahresbericht des „Norwegian Network for GenderStudies“ 2010 auf Seite 3 der Hinweis, dass im Rahmen der Debatten über die Sendung eine Diskussionsveranstaltung mit einer Geschlechterforscherin und einer Biologin organisiert wurde.

Es gab also in Norwegen eine breite öffentliche Debatte über die Sendung. Aber hat Harald Eia dadurch tatsächlich die Schließung des NIKK verursacht? Oder ist hier vielleicht der Wunsch Vater (oder Mutter?) des Gedankens: eine Phantasie von Handlungsfähigkeit und Einfluss mit schwärmerischen Überlegungen, wann es in Deutschland einen wie Eia gebe? Doch zurück zu den Fakten: Zu den Fakten gehört, dass die Förderung des NIKK nach einer Evaluation durch die Unternehmensberatung Ramböll beendet wurde. Wer möchte, kann die Entscheidung im Originaldokument nachlesen: In diesem Bericht wird unterstrichen, dass Institutionen notwendig sind, die Forschung aus den Gender Studies sowie relevante Rechtssetzung zusammenstellen und verbreiten. Das NIKK habe jedoch seine Brückenfunktion zwischen Wissenschaft und politischem System nicht erfolgreich genug erfüllt, so die Evaluation. Der Verein Agens selbst hat eine automatische Übersetzung der Entscheidung online gestellt. Das NIKK ist im übrigen mittlerweile an das SwedishSecretariat for Gender Research angebunden, was einmal mehr verdeutlicht, dass es eher um eine Umstrukturierung als eine inhaltliche Kehrtwende zu gehen schien. Man könnte natürlich kontrovers drüber diskutieren, ob und wie die Maßstäbe, die Unternehmensberatungen an die Welt anlegen, angemessen sind für den Bereich Wissenschaft. Mit der Kritik irgendeines Komikers hätte eine solche Diskussion jedoch eher wenig zu tun.

Aber vielleicht ist das Dokument ja geschönt? Vielleicht wird der Einfluss Eias dort verheimlicht? Suchen wir nach weiteren Indizien. Was sagt denn Wikipedia? Die deutschsprachige Seite zu Harald Eia beschäftigt sich zu einem Großteil mit seiner Sendung „Gehirnwäsche“. Hier findet sich auch der Schließungs-Kausalitäts-Mythos, wenn auch abgeschwächt als Vermutung:
Die Debatte soll zur Schließung des vom Nordischen Ministerrat gegründeten und an der Universität Oslo angesiedelten Gender-Instituts im Dezember 2011 beigetragen haben.
Die Diskussionsseite zum Artikel  dreht sich ausschließlich um die NIKK-Schließungs-Kausalität. Auf der englischsprachigen Wikipedia-Seite zu Harald Eia wird auf diese Sendung auch ausführlich eingegangen, ein Zusammenhang zur NIKK-Schließung wird dort jedoch nicht erwähnt. Auf der schwedischen und der norwegischen Seite wird die Sendung jeweils nur kurz genannt, das NIKK taucht hier überhaupt nicht auf.

Es gibt allerdings in manchen Sprachen eine eigene Seite über die Sendung, wo etwas ausführlicher berichtet wird. Dort wäre doch genau der richtige Ort für Informationen über Rezeption und Wirkung der Sendung. Auf der englischen Seite zu "Gehirnwäsche" gibt es keinen Hinweis auf die NIKK-Schließung. Für die norwegischen Seite gilt dasselbe. Auf der schwedischen Seite wird der Kausalitäts-Mythos erwähnt – nur um ihn direkt als „Missverständnis“ zurückzuweisen, mit Bezug auf Arvid Hallén vom norwegischen Forschungsrat.

Man könnte nun einwerfen, dass Wikipedia permanent überarbeitet wird, und dass dort manchmal regelrechte „edit wars“ herrschen. Vielleicht haben z.B. Gender-Forscher_innen die Kausalität aus den Artikeln getilgt? Wenn man in die Versionsgeschichten schaut, fällt jedoch auf, dass es dort keinerlei Kontroversen um die NIKK-Schließungs-Kausalität gab – niemand hat sie hineingeschrieben, niemand hat sie wieder herausgenommen. Dies gilt für die englische, wie auch die norwegische Seite. Nur auf der schwedischen Seite erwähnt eine Person die Vorstellung einer Kausalität – nur um sie mit der besagten Quelle vom Forschungsrat zurückzuweisen, was seitdem niemand mehr geändert hat.

Was geben denn die Seiten zum NIKK selbst her? Wird dort berichtet, dass die Fernsehsendung zur Schließung beigetragen hat? Zum NIKK selbst gibt es keine deutschsprachige Seite. Die englischsprachige Seite enthält die Kausalität:
The public debate in response to the 7-part documentary series "Hjernevask" (brainwashing) of the comedian and sociologist Harald Eia, which aired in spring 2010 in the Norwegian television NRK had influence on the closing.“
Die norwegische Seite erwähnt den Komiker und seine Sendung überhaupt nicht – und die schwedische , dänische, finnische ebenfalls nicht. Auf all diesen skandinavischen Seiten haben keinerlei „edit wars“ stattgefunden, die Änderungen an den Artikeln bezogen sich nicht auf die Gründe der Schließung. 

Die Bilanz dieser Wikipedia-Durchsicht: In den skandinavischen Artikeln, die eigentlich näher an den Geschehnissen vor Ort sein dürften, findet sich die Kausalität nicht, ja nicht einmal Debatten um diese Kausalität. Nur ein englischer Artikel und ein deutscher Artikel behaupten – in unterschiedlicher Vorsichtigkeit – eine Kausalität zwischen „Gehirnwäsche“ und NIKK-Schließung. Gleichzeitig wird der englische Artikel in der Diskussion um den deutschen als Beleg herangezogen. Offensichtlich haben ausschließlich deutsch- und englischsprachige Autor_innen versucht, diese Kausalität enzyklopädisch festzuschreiben.
Aber dort sind ja zudem noch zwei skandinavische Medienberichte angegeben. Was geben die in der Frage her?

Der Bericht in der schwedischen liberal-konservativen Zeitung Svenska Dagbladet bedient eher den Mythos, als ihn zu belegen. Im Tonfall eines Gerüchts wird behauptet, dass die Schließung durch die Sendung ausgelöst worden sein soll. Hauptsächlich zielt der Artikel unter der Überschrift „Wie geht es Norwegen ohne Gender Studies?“ darauf ab, die norwegischen Vorgänge für Seitenhiebe gegen die Gender Studies in Schweden zu nutzen – Norwegen hätte erkannt, dass die Gender Studies eine „Ideologie“ seien, eine solche Bewertung sei auch in Schweden an der Zeit.

Im Artikel in der größten norwegischen Zeitung Aftenposten wird rekapituliert, dass „Gehirnwäsche“ eine heftige Debatte in Norwegen ausgelöst hat. Die Debatte habe dem Ruf der Geschlechterforschung geschadet, sagt Marit Aure von der Association for Gender Research in Norway (FOKK). Die Sendung habe zudem die Gender Studies als viel größer dargestellt, als sie tatsächlich seien. Aber bei der Schließung des NIKK habe die Fernsehsendung keine Rolle gespielt: Anders Hanneborg vom Forschungsrat, in dem die Schließung beschlossen wurde, wird direkt auf den Einfluss der Debatte um die Fernsehsendung befragt, und antwortet, dass dies kein Teil der Diskussion im Forschungsrat war.

Zudem werden im englischsprachigen Wikipedia-Artikel noch zwei parlamentarische Quellen angegeben – jedoch nicht als Beleg für die NIKK-Schließungs-Kausalität, sondern nur als Beleg dafür, dass die Sendung breit diskutiert wurde.
Das ist zum einen das Protokoll einer Fragestunde im norwegischen Parlament am 28.4.2010. Tord Lien von der rechtspopulistischen Fremskrittspartiet („Fortschrittspartei“) bezieht sich in seiner Frage an die Regierung positiv auf Eias Sendung. Dort sei dargestellt worden, dass die norwegischen Gender Studies politisiert und international nicht relevant seien sowie dass ihre Vermittlung schlecht sei, und fordert, sie gründlich evaluieren zu lassen. Die Antwort der Staatsrätin Tora Aasland ist sachlich-ablehnend: Anders als die Fortschrittspartei sei sie nicht der Meinung, dass es Aufgabe der Regierung sei, in die Inhalte von Forschung zu intervenieren, zur Evaluation gebe es entsprechende wissenschaftliche Einrichtungen, in entsprechende Verfahren sei Geschlechterforschung wie alle anderen Forschungsrichtungen auch eingebunden. Zu Eias Sendung führt sie im Übrigen aus, dass sie das Bemühen schätze, Forschung zu popularisieren – jedoch müsse auf die Wortwahl geachtet werden. Eia selbst wie auch der Rundfunkrat hätten eingeräumt, dass das Programm-Konzept eher dazu geeignet gewesen sei zu exponieren, nicht zu nuancieren. Das Fernsehen sei ein mächtiges Medium, es dürfe nicht für Angriffe auf Personen genutzt werden.
Eine erfolgreiche parlamentarische Initiative klingt in meinen Ohren anders.

Das zweite Dokument vom 8.6.2010 ist das Protokoll einer parlamentarischen Anfrage zum Thema Jungen imBildungssystem. Henning Waroe von der konservativen Partei Høyre („Rechte“) erwähnt darin einmal zustimmend die Sendung – sie habe eine Diskussion über die biologischen Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen möglich gemacht. Weiter geht er nicht auf die Sendung ein, und das NIKK wird nicht erwähnt, geschweige denn die Forderung es zu schließen.

Nach der Sichtung aller angegebenen Quellen kann ich keinen Beleg für die NIKK-Schließungs-Kausalität erkennen. Wenn man keine Informationen zu einem Phänomen findet, kann man daraus verschiedene Schlussfolgerungen ziehen. Eine Möglichkeit wäre: diese Informationen werden unterdrückt, unterschlagen, zensiert. Eine andere Möglichkeit ist: das Phänomen existiert einfach nicht. Im Fall der NIKK-Schließungs-Kausalität ist das die naheliegendere.

Es steht zu befürchten, dass Teile der antifeministischen Szene weiterhin lieber an den konstruierten Zusammenhang glauben. Es passt einfach alles zu schön: Vor Eia gab es nie eine Debatte um die Gender Studies (Tabu!), Eia legte mutig die Fakten auf den Tisch (Tabubruch!) und die Politik musste reagieren (Der Kaiser ist nackt!). Aber die Mainstream-Medien berichten nicht über diesen Zusammenhang (Schweigekartell!), die Feminist_innen löschen ihn aus Wikipedia (Vertuschung!) – und jetzt wird hier im genderbüro-blog dagegen angeschrieben (Also muss was dran sein!)... Manche Weltwahrnehmungen sind einfach nicht falsifizierbar.

Vielleicht an dieser Stelle nur noch eine kleineres, leicht falsifizierbares Detail: das auf der Homepage von Agens e.V. behauptete angebliche NIKK-„Jahresbudget von 56 Millionen“. Unvoreingenommene Leser_innen fragen sich womöglich, welche Währung denn diese „56 Millionen“ hatten. Wer jedoch eine Sensation lesen möchte, lässt sich von solchen Kleinigkeiten nicht abhalten. In Deutschland redet die antifeministische Szene seitdem gern von "56 Millionen Euro" (Magazin "eigentümlich frei") – in Wahrheit waren es Norwegische Kronen, wie auch manchen antifeministischen Seiten nicht entgangen ist (DIJG). Das sind übrigens umgerechnet ungefähr 7,6 Millionen Euro, also nichtmals ein Siebtel der Summe in Euro. Sicherlich hat Agens e.V. einfach vergessen, die Währung anzugeben. Schade nur, dass das „Jahresbudget“ auch nicht stimmt; es handelt sich um das Budget für 4 Jahre, wie beispielsweise der österreichische Kurier – für seinen generell sehr Eia-freundlichen Artikel – recherchiert hat. Das wären dann also ca. 1,9 Mio Euro Jahresbudget; die suggerierten 56 Mio Euro pro Jahr sind also fast um den Faktor 30 zu hoch. Das ist ein nicht allzu gewissenhafter Umgang mit den Fakten, und illustriert den Wunsch nach einem erbaulichen Mythos: je größer der Feind, desto heldenhafter Eias Tat.

Gerüchtebasierte Kausalitäten, Ignoranz gegenüber unpassenden Informationen, irreführende Auslassungen: Warum sich von den Fakten den schönen Mythos kaputtmachen lassen? Derartige Behauptungen lassen sich natürlich leichter in die Welt setzen, als sie wieder durch Recherche aus der Welt zu schaffen. Aber vielleicht trägt dieser Beitrag ja dazu bei, dass dieser deutsche Helden-Mythos über einen norwegischen Komiker sich nicht weiterverbreitet.

Für die Hilfe mit den skandinavischen Sprachen möchte ich J. ganz herzlich danken.

Zur besseren Lesbarkeit wurden die jeweiligen Quellen direkt im Text verlinkt. Alle Seitenaufaufrufe vom 06.03.2013.