Dienstag, 20. November 2012

Wenn zwei das Gleiche tun - Teil 6: Führen



Neulich gab die kluge Frau Allmendinger (Direktorin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung) ein Interview auf Deutschlandradio Kultur: Es ging um die sogenannte Frauenquote (siehe dazu post vom 11.02.2011). Angesprochen auf den oft bemühten „weiblichen Führungsstil“ (der ja dann per Quote Einzug in die Führungsetagen halten könne) gab sie eine angemessen kluge Antwort: Diesen könne man empirisch nicht feststellen, da man in dieser Frage Äpfel mit Birnen vergleiche – also wenige Frauen in hohen Leitungsfunktionen mit vielen Männern in eben diesen.
Es gibt jedoch zum Thema eine qualitative empirische Forschung, eine psychologische Dissertation mit dem Titel „Alltagstheorien über Führung aus der Sicht von weiblichen und männlichen Führungskräften und ihren MitarbeiterInnen“ (von Sylvia Manchen Spörri, 2000, Universität Konstanz). Nach 270 Seiten Lektüre geht die Rede vom weiblichen Führungsstil nicht mehr so leicht über die Lippen.
Diese Forschungserkenntnisse zu vermeintlich weiblichen Kompetenzen hindert die „Boston Consulting Group“ nicht daran, munter in die Zuschreibungskiste zu greifen: In der Beilage der Süddeutschen Zeitung vom vorletzten Wochenende für die nachwachsende Generation wirbt die Beratungsfirma mit einem „Strategieworkshop für Frauen“ (Abbildung: High Heels mit Flügeln). BCG fragt: „Was geschieht, wenn weibliche Intuition und strategischer Scharfsinn aufeinandertreffen?“ (jetzt – leben & Job, Nr. 06/12, S. 1). Dies Frage kann ich Ihnen beantworten: Es entsteht leicht ein Klischee. Denn Intuition ist laut Wikipedia „die Fähigkeit, Einsichten in Sachverhalte, Sichtweisen, Gesetzmäßigkeiten oder die subjektive Stimmigkeit von Entscheidungen zu erlangen, ohne diskursiven Gebrauch des Verstandes“ (http://de.wikipedia.org/wiki/Intuition, Hervorhebung R.F.).  Wie wird ein solcher Workshop aussehen? Frauen ohne größeren  Verstand aber mit viel Intuition und hohen Absätzen treffen auf die (mehrheitlich männlichen) Strategen von BCG...?
Im gleichen SZ-Heft findet sich ein schöner Beitrag von Bernd Kramer: „Hard skills, please“. Es geht um die Überbewertung von Soft Skills im heutigen Arbeitsleben. Diese werden bekanntlich eher Frauen zugeschrieben als Männern – auch die oben genannte Intuition ist natürlich weich wie ein Federkissen. Der Autor stellt fest: Die Top-Jobs bekommen die aus dem „richtigen“ bürgerlichen Elternhaus; die soziale Schicht ist entscheidend für den Aufstieg. „Gute Doktoranden aus Arbeiterfamilien bleiben derweil unterwegs stecken. Genau wie die Frauen, die irgendwann mit ihrem Kopf an die gläserne Decke knallen (…). Woran das liegt? Soft Skills natürlich. Fehlendes Alphatiergehabe, untrainierte Ellenbogen, mangelndes Gespür für Herrenwitz.“ (Bernd Kramer: Hard skills, please, in: jetzt – leben & Job, Nr. 06/12, S. 30).

Doch noch einmal die oben zitierte Dissertation: „Geschlechtsrollenkonflikte fanden sich für weibliche Führungskräfte durch widersprüchliche Erwartungen der MitarbeiterInnen, die Erfolg und ‚Weiblichkeit‘ für unvereinbar halten. Für Frauen in Führungspositionen entstehen dadurch Double-bind-Situationen.“ (S. 230). Wenn Frauen also führen, entsteht für sie ein Dilemma. Sie sollen brav weiblich bleiben (intuitiv, kommunikativ und teamorientiert), gleichzeitig müssen sie die einer Führungsrolle männlich zugeschriebenen Hard Skills leben. Das funktioniert nicht. Fazit: Die Rede vom "weiblichen Führungsstil", von der Intuition und den Soft Skills ist zwar meistens gut gemeint – ist und bleibt aber eine Zuschreibung und geht damit leider nach hinten los. Deswegen die Bitte: Einfach bleiben lassen.

Zum Weiterlesen:
Guadagno, Rosanna E./Cialdini, Robert B. (2007): Gender Differences in Impression Management in Organizations: A Qualitative Review. Url: http://osil.psy.ua.edu/pubs/gender%26IM@sexroles.pdf (30.07.2012).