Mittwoch, 1. Februar 2012

Wenn zwei das Gleiche tun - Teil 4: Einparken

Es ist eine Weile her, da erschien ein sehr populäres Buch mit dem Titel „Warum Frauen nicht einparken und Männer nicht zuhören können“. Es verkaufte sich hervorragend und das Autoren-Ehepaar Pease und Pease verdiente einen Haufen Geld. An den Folgen dieses Top-Sellers mühe ich mich noch bis heute ab, wenn es wieder einmal heißt: „Aber gibt es nicht große biologische Unterschiede zwischen Frauen und Männern, zum Beispiel das mit dem Einparken und dem räumlichen Vorstellungsvermögen, das ist doch wissenschaftlich bewiesen, …, …“
Mit viel Geduld erkläre ich dann, dass solch pseudo-populärwissenschaftlichen Büchern jede fachliche Grundlage fehle, es zwar biologische Unterschiede gebe, diese jedoch recht vielfältig und nicht immer unbedingt eindeutig und auch nicht unbedingt immer an körperlichen Merkmalen festzumachen seien. Wenn ich einen guten Tag habe, sage ich den Anwesenden auch: „Ich kann zum Beispiel wahnsinnig gut einparken“ (das stimmt!). Wenn ich einen noch besseren Tag habe, gebe ich noch freimütig zu, woher das rührt: einzig und allein, da ich mir BESONDERS viel Mühe beim Einparken gebe, da ich auf KEINEN FALL dem Stereotyp entsprechen möchte, schlecht einparken zu können.
Pease und Pease geben mir und überhaupt allen Frauen da wenig Chancen, denn sie meinen, wir kämen „bereits mit vorprogrammierter Gehirn-Software auf die Welt (..). Die Tatsache, dass die Männer in der Regel auf die Jagd gingen und die Frauen sich um die häuslichen Angelegenheiten kümmerten, bestimmt auch heute noch unser Verhalten, unsere Überzeugungen und Prioritäten" (2000, S. 34). Und weiter hinten wird deswegen flott behauptet: „Zirka neunzig Prozent aller Frauen haben ein beschränktes räumliches Vorstellungsvermögen“ (S. 165, eine Quelle für diese Dreistigkeit fehlt natürlich).

Das von einer Biologin und einer Psychologin in Reaktion auf diese festlegende Weltordnung verfasste Buch „Warum Frauen glauben, sie könnten nicht einparken – und Männer ihnen Recht geben“ (2004) widerlegt die Behauptungen des Ehepaars haarklein und auf Basis wissenschaftlicher Quellen – es hat sich aber leider offensichtlich nicht so gut verkauft, den der Mythos eines besseren männlichen Einparkvermögens von Männern hält sich recht standhaft.
Und es ist tatsächlich ein Mythos: Vorgestern erschien die Studie einer englischen Organisation namens National Car Parks, die das glatte Gegenteil beweist: „It’s official: women are actually better parkers than men“ (http://www.ncp.co.uk/documents/pressrelease/ncp-parking-survey.pdf -  Pressemeldung vom 30.01.2012, aufgerufen am 31.01.2012). Es handelt sich hierbei um eine empirische Studie mit einem recht großen Sample (2.500 Fahrerinnen und Fahrer in England). Hier heißt es unter anderem: „In what may come as a shock to the egos of men across the country, women fared better in many areas of the scoring. This is despite the fact that, when questioned about their beliefs, only one fifth (18%) thought they were better parkers than men and less than a third (28%) of women believed they were better parkers than their partners.“ (Quelle siehe oben). Ein weiteres eindeutiges Ergebnis: Über drei Viertel der Befragten schätzt die Dauer des Einparkens bei Frauen länger ein als dieses tatsächlich beträgt.
Im Endergebnis ist der Unterschied aber nicht wirklich groß: von 20 möglichen Punkten bekommen Männer 12,3 und Frauen 13,4. Das wiederum beweist vor allem eines: Es gibt größere Unterschiede in den Einstellungen und Haltungen der Menschen als tatsächliche Unterschiede bestehen. Ein schönes Beispiel für Doing Gender. Dass die Organisation NCP die mageren 1,1 Punkte Unterschied öffentlichkeitswirksam als Beweis für das bessere Abschneiden von Frauen beim Einparken vermarktet, ist ein schönes Beispiel für die Dramatisierung von Gender. Aber die „perfekten Einpark-Tipps für alle die sie benötigen“ finde ich dann doch einen netten Service, sodass ich wieder mit der NCP versöhnt bin.
Und vor allem: Da wir jetzt wissen, dass die Unterschiede eher hausgemacht sind, ist das Einparken viel entspannter: Niemand muss mehr mit seinem oder ihrem Einparkverhalten beweisen, dass er oder sie besser oder schlechter einparkt als andere Menschen innerhalb oder außerhalb der eigenen Geschlechtergruppe - und dass soziobiologische Thesen über das Alltagsverhalten von Menschen in der heutigen Zeit sowieso nicht haltbar sind.
Vor diesem Hintergrund wäre meine Schlussfolgerung: Die ohnehin gesellschaftlich vollkommen irrelevante Frage nach Geschlechtermustern beim Einparken kann uns in Zukunft schnurzpiepsegal sein.

Quellen:
National Car Parks (2012) It’s official: women are actually better parkers than men“. Pressemeldung vom 30.01.2012. URL: http://www.ncp.co.uk/documents/pressrelease/ncp-parking-survey.pdf (aufgerufen am 31.01.2012).
Pease, Allan und Barbara (2002): Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken. Ganz natürliche Erklärungen für eigentlich unerklärliche Schwächen. München: Ullstein.
Frey, Regina (2002): Ganz natürlich? Männer und Frauen, erklären Allan und Barbara Pease, haben grundverschiedene Gehirnsoftware. Wissenschaft und Populärwissenschaft allerdings liegen bisweilen auch weit auseinander, in: die tageszeitung vom 30.11.2002.URL: http://www.taz.de/1/archiv/archiv/?dig=2002/11/30/a0247. (aufgerufen am 31.01.2012).
Quaiser-Pohl, Claudia und Jordan, Kirsten (2004): „Warum Frauen glauben, sie könnten nicht einparken – und Männer ihnen Recht geben“. München: C.H. Beck.