Samstag, 29. Dezember 2012

Exzesse des Gender-Marketing: Geschlechtersegregation bei Piper

Weihnachtszeit ist Buchzeit. Das weiß auch der Piper-Verlag, der kurz vor dem Fest im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung zwei große Anzeigen schaltete. Und zwar eine für Frauen und kurz dahinter eine für Männer. „Die besten Bücher zum Verschenken“ werden feilgeboten und zwar einmal auf rotem Hintergrund „für mutige Frauen“, „für beste Freundinnen“ und „für liebe Verwandte“. Jeweils vier Romane in drei Weihnachtskugeln - ausschließlich von Autorinnen. Auf blauem Hintergrund gibt es auch drei Weihnachtskugeln: „Für Fernsüchtige“, „für Geschichtensammler“ und „für Enthüllungsspezialisten“. Es werden hier jeweils vier Bücher (hier deutlich mehr Sachbücher) ausschließlich aus der Feder von Männern beworben. Während sich in der Frauen-Anzeige Titel wie „Kuckucksmädchen“ und „Die Frau mit dem Hund“ finden und es ziemlich schnulzt („Die Landkarte der Liebe“ und „zu zweit tut das Herz nur halb so weh“), geht es bei den Jungs zwar nie direkt um Männer, aber um Fußball (Theo Zwanziger) und die katholische Kirche (gleich zwei Päpste kommen vor). Romantisch wird es hier hingegen nur bedingt: „Vier Arten, die Liebe zu vergessen“.  
Wir kennen das ja bereits von der Spielzeugindustrie, rosa Barbies für Mädchen und Plastik-Knarren für Jungs. Aber nun auch noch eine Geschlechtertrennung des Buchmarktes? Es mag ja sein, dass Frauen und Männer teilweise unterschiedliche Bücher kaufen und lesen (siehe auch Post zu Frauen- und Männerromanen). Aber ist es wirklich notwendig, diesen Trend durch rigides Gender-Marketing zu dramatisieren? Lieber Piper-Verlag, mein nachweihnachtlicher Wunsch: Bitte verschone uns Erwachsene doch vor plumper Geschlechtersegregation und verlege lieber ein paar mehr gute Bücher. 

Meine Leseempfehlung für das Jahr 2013 ist jedenfalls alles von Arno Geiger (dtv). Toller Autor, der jenseits Geschlechter- und sonstiger Klischees schreiben kann.

Quelle: Anzeigen des Piper-Verlages in der Süddeutschen Zeitung vom 22./23.12.2012 auf den Seiten 19 und 21.

Mittwoch, 19. Dezember 2012

Unisex: Die Welt geht unter!



Wie allgemein bekannt ist, wird am Freitag, den 21.12.2012 um 12.12 Uhr MEZ die Welt untergehen. Gleichzeitig werden an diesem Tag die Unisex-Tarife eingeführt. Banken und Versicherungen schlagen einen alarmistischen Tonfall an. So tönt zum Beispiel die Berliner Sparkasse: „Achtung Gleichberechtigung!!! Männer werden ab dem 21.12.2012 wie Frauen behandelt“ (Quelle siehe unten). Wir fragen uns natürlich: Ja, um Gottes willen! Wo soll DAS nur hinführen?! Wahrlich eine Katastrophe!
 

Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft e.V. findet Unisex ziemlich unsexy. Ein Experte erklärt im Podcast: „Männer leben weiter im Schnitt kürzer als Frauen und daher steht ihnen auch eine höhere Rente zu“. Unisex beruhe auf einer „…falsch verstandenen Interpretation des Gleichbehandlungsgrundsatzes, dieser besagt nicht, dass man alles über einen Kamm scheren muss, (…) sondern er sagt auch, wesentlich Ungleiches darf nicht gleich behandelt werden“ (GDV, Quelle siehe unten).

Ok, Herr Experte, dann erklären Sie mir bitte einmal Folgendes: Ich bin eine hart arbeitende Unternehmerin mit einer 60Stunden Woche und in meinem Job als Gender-Beraterin erheblichen Belastungen ausgesetzt, u.a. durch hohen Reiseaufwand. Spätestens mit 65 kommt wahrscheinlich der Herzinfarkt. Warum soll ich jetzt MEHR für die private Rente zahlen, als mein Kollege, der den gleichen Belastungen ausgesetzt ist? Nach Ihrer Logik muss ich das unter anderem, da gerade junge Männer ein im Vergleich zu anderen sozialen Gruppen höheres Risikoverhalten an den Tag legen und hiermit die durchschnittliche Lebenserwartung der sozialen Gruppe "Männer" nach unten drücken. Und DAS ist dann nach Ihrer mathematischen Weltanschauung so in Ordnung?  (Zum Thema Geschlecht und Lebenserwartung siehe auch http://de.wikipedia.org/wiki/Klosterstudie und Blogeintrag vom November 2011).

Auch das Manager-Magazin meldete sich in Sachen Unisex mit einem Interview zu Wort – natürlich zuverlässig stänkerisch in Sachen Gleichstellung. Es lässt einen Versicherungsexperten zu Wort kommen, der nicht weniger als „Betrug und Männerdiskriminierung" wittert. Er regt sich darüber auf, dass Frauen, da sie im Schnitt 5,2 Jahre älter werden, mehr ausgezahlt bekommen, wenn sie den gleichen Beitrag in die privaten Rentenversicherung einzahlen. Die geringere Lebenserwartung von Männern sieht er dadurch verursacht, dass sie die belastenderen Jobs machen - Gründe für die unterschiedliche Lebenserwartung seien im Übrigen noch nicht wirklich untersucht (was nicht ganz stimmt, siehe Klosterstudie oben). Es wird auch ein konkreter Fall berechnet mit der Schlussfolgerung: "Die Frau bezieht also im Schnitt gut fünf Jahre länger Rente als der Mann und erhielte bei gleicher Einzahlung 18.720 Euro oder 42,17 Prozent mehr ausgezahlt." Alles, was Recht ist, aber: "DIE" Frau im "Schnitt" funktioniert nicht - entweder es geht um den konkreten Fall, oder es geht um Durchschnittswerte. "Die Frau" ist im Zweifelsfall die Krankenpflegerin in einem hochbelastendem Job, die bei gleicher Lebenssituation erheblich höhere Beiträge einzahlen muss als der Kollege - was sie natürlich nicht immer kann. (Wie war das mit der Altersarmut von Frauen, die laut jüngster OECD-Studie in Deutschland erheblich höher ist als anderswo?). Aber klar,  Unisex ist laut Hr. Poweleit "männerdiskriminierend" und ein „Frauenbeglückungsprogramm“ (alle Zitate Manager Magazin vom 10.03.2011).
Einen m.E. sachlichen und logischen Beitrag zum Thema hat Daniela Kuhr in der Süddeutschen Zeitung vom 1./2.12.2012 geschrieben. In ihrem Kommentar macht sie deutlich, wie willkürlich Regelungen sind, denen statistische Wahrscheinlichkeiten zugrunde liegen: Die Lebenserwartung von in Baden-Württemberg geborenen Jungen ist um 3,5 Jahre höher als die der Jungen in Sachsen-Anhalt - und hier habe bisher niemand gemeckert. Sie schreibt: „Männer mit einer kurzen Lebenserwartung sind also durchaus bereit, für Männer mit einer längeren Lebenserwartung mitzuzahlen. Aber für Frauen? Da hört der Spaß offenbar auf.“ (Quelle siehe unten). Frage an unsere beiden Versicherungs-Experten: Sind 3,5 Jahre im Vergleich zu den oben genannten 5,2 Jahren nun keine „wesentliche“ Ungleichheit? Und wo fängt es genau an mit der Wesentlichkeit? Also, ich finde 3,5 Jahre schon eine ganz ordentliche Zeitspanne und fordere: Die Beiträge zu einer privaten Rentenversicherung müssen zwingend in Baden-Württemberg höher sein als in Sachsen-Anhalt. Regionale Kriterien müssen unbedingt in die mathematischen Berechnungen einbezogen werden, das wäre ja sonst vollkommen ungerecht.  

Noch ein weiteres Unterscheidungsmerkmal gibt es hinsichtlich der Lebenserwartung. Zitat aus der Zeitschrift Aus Politik und Zeitgeschichte: „Der Abstand zwischen Abiturienten und Hauptschulabsolventen macht bei Männern 3,3 und bei Frauen 3,9 Jahre aus. Die Differenz in der Lebenserwartung bei Geburt zwischen dem untersten und obersten Einkommensquintil wird mit 10 Jahren bei Männern und 9 Jahren bei Frauen angegeben.“ (Lampert u.a. 2007). Hoppla, da scheint ja auch ein ziemlich „wesentlicher“ Unterschied nach sozialer Schicht zu bestehen, die Geschlechterdifferenz hat sich hier hingegen enorm eingedampft. Ich fordere folgerichtig: Menschen mit Abitur müssen höhere Beitragssätze für ihre private Rentenversicherung zahlen als Menschen mit Hauptschulabschluss! Und Reiche erst recht! Bitte schnell ausrechnen, Herr Poweleit, da sind wir doch bei erheblich mehr als 42,17 Prozent. Das heißt ja, dass die gesamte private Altersvorsorge ein einziges Reichenbegünstigungsprogramm ist, der Gipfel der Diskriminierung.

Nun aber Schluss mit Absurdistan. Es gibt viele Kategorien, die die Lebenserwartung von Menschen beeinflussen. Frauen und Männer jeweils in eine geschlechtliche Sippenhaft zu nehmen ist vielleicht mathematisch begründbar, für den Einzelfall jedoch nicht nachvollziehbar und gesellschaftlich schädlich. Das Grundprinzip einer Versicherung bleibt der Ausgleich eines Risikos, das heißt es basiert letztlich auf der Idee der Solidarität (deswegen bin ich übrigens seit vielen Jahren freiwillig in der gesetzlichen Krankenversicherung, obwohl sie für mich derzeit viel teurer ist). „Branchenexperten“ und andere, die dieses Grundprinzip hinsichtlich des Geschlechts in Frage stellen – für andere soziale Kategorien aber nicht, bewegen sich aus meiner Sicht auf dünnem demokratischen Eis.

Fazit: Ich weiß zwar nicht, ob die Welt am Freitag tatsächlich untergehen wird und wir vielleicht gar keine Altersvorsorge mehr brauchen, aber eines sollte klar sein: Der Start der Unisex-Tarife steht mit dem Weltuntergang in keinem Zusammenhang - im Gegenteil: Mit etwas mehr Gerechtigkeit wird die Welt für alle lebenswerter. 

Quellen:
Und noch zum angeblichen Weltuntergang übermorgen: http://www.21dezember2012.org/

(alle Abrufe vom 19.12.12)

Dienstag, 20. November 2012

Wenn zwei das Gleiche tun - Teil 6: Führen



Neulich gab die kluge Frau Allmendinger (Direktorin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung) ein Interview auf Deutschlandradio Kultur: Es ging um die sogenannte Frauenquote (siehe dazu post vom 11.02.2011). Angesprochen auf den oft bemühten „weiblichen Führungsstil“ (der ja dann per Quote Einzug in die Führungsetagen halten könne) gab sie eine angemessen kluge Antwort: Diesen könne man empirisch nicht feststellen, da man in dieser Frage Äpfel mit Birnen vergleiche – also wenige Frauen in hohen Leitungsfunktionen mit vielen Männern in eben diesen.
Es gibt jedoch zum Thema eine qualitative empirische Forschung, eine psychologische Dissertation mit dem Titel „Alltagstheorien über Führung aus der Sicht von weiblichen und männlichen Führungskräften und ihren MitarbeiterInnen“ (von Sylvia Manchen Spörri, 2000, Universität Konstanz). Nach 270 Seiten Lektüre geht die Rede vom weiblichen Führungsstil nicht mehr so leicht über die Lippen.
Diese Forschungserkenntnisse zu vermeintlich weiblichen Kompetenzen hindert die „Boston Consulting Group“ nicht daran, munter in die Zuschreibungskiste zu greifen: In der Beilage der Süddeutschen Zeitung vom vorletzten Wochenende für die nachwachsende Generation wirbt die Beratungsfirma mit einem „Strategieworkshop für Frauen“ (Abbildung: High Heels mit Flügeln). BCG fragt: „Was geschieht, wenn weibliche Intuition und strategischer Scharfsinn aufeinandertreffen?“ (jetzt – leben & Job, Nr. 06/12, S. 1). Dies Frage kann ich Ihnen beantworten: Es entsteht leicht ein Klischee. Denn Intuition ist laut Wikipedia „die Fähigkeit, Einsichten in Sachverhalte, Sichtweisen, Gesetzmäßigkeiten oder die subjektive Stimmigkeit von Entscheidungen zu erlangen, ohne diskursiven Gebrauch des Verstandes“ (http://de.wikipedia.org/wiki/Intuition, Hervorhebung R.F.).  Wie wird ein solcher Workshop aussehen? Frauen ohne größeren  Verstand aber mit viel Intuition und hohen Absätzen treffen auf die (mehrheitlich männlichen) Strategen von BCG...?
Im gleichen SZ-Heft findet sich ein schöner Beitrag von Bernd Kramer: „Hard skills, please“. Es geht um die Überbewertung von Soft Skills im heutigen Arbeitsleben. Diese werden bekanntlich eher Frauen zugeschrieben als Männern – auch die oben genannte Intuition ist natürlich weich wie ein Federkissen. Der Autor stellt fest: Die Top-Jobs bekommen die aus dem „richtigen“ bürgerlichen Elternhaus; die soziale Schicht ist entscheidend für den Aufstieg. „Gute Doktoranden aus Arbeiterfamilien bleiben derweil unterwegs stecken. Genau wie die Frauen, die irgendwann mit ihrem Kopf an die gläserne Decke knallen (…). Woran das liegt? Soft Skills natürlich. Fehlendes Alphatiergehabe, untrainierte Ellenbogen, mangelndes Gespür für Herrenwitz.“ (Bernd Kramer: Hard skills, please, in: jetzt – leben & Job, Nr. 06/12, S. 30).

Doch noch einmal die oben zitierte Dissertation: „Geschlechtsrollenkonflikte fanden sich für weibliche Führungskräfte durch widersprüchliche Erwartungen der MitarbeiterInnen, die Erfolg und ‚Weiblichkeit‘ für unvereinbar halten. Für Frauen in Führungspositionen entstehen dadurch Double-bind-Situationen.“ (S. 230). Wenn Frauen also führen, entsteht für sie ein Dilemma. Sie sollen brav weiblich bleiben (intuitiv, kommunikativ und teamorientiert), gleichzeitig müssen sie die einer Führungsrolle männlich zugeschriebenen Hard Skills leben. Das funktioniert nicht. Fazit: Die Rede vom "weiblichen Führungsstil", von der Intuition und den Soft Skills ist zwar meistens gut gemeint – ist und bleibt aber eine Zuschreibung und geht damit leider nach hinten los. Deswegen die Bitte: Einfach bleiben lassen.

Zum Weiterlesen:
Guadagno, Rosanna E./Cialdini, Robert B. (2007): Gender Differences in Impression Management in Organizations: A Qualitative Review. Url: http://osil.psy.ua.edu/pubs/gender%26IM@sexroles.pdf (30.07.2012).

Sonntag, 19. August 2012

Wenn zwei das Gleiche tun – Teil 5: Steuern hinterziehen


Die britische Regierung hat 20 Personen, die Steuern hinterzogen haben sollen, virtuell an den Pranger gestellt (http://www.flickr.com/photos/hmrcgovuk).  
Dieser Personenkreis besteht mehrheitlich aus Männern – eine einzige Frau ist in der Galerie der Steuerflüchtigen zu sehen – und die wirkt, als könne sie kein Wässerchen trüben. Sie soll 38 Jahre alt sein, auf dem Foto sieht sie wesentlich jünger aus. Die Süddeutsche Zeitung hat die Bilder in ihrem Wirtschaftsteil der Wochenend-Ausgabe abgedruckt (S. 26); im Text wird nur auf drei der 20 Beschuldigten eingegangen, darunter auf Emma Elisabeth Tazey (http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/fahndung-britischer-behoerden-steuerhinterzieher-stehen-am-digitalen-pranger-1.1444081).
Schauen wir im Netz nach, wird es gendermäßig interessanter. Zu ihrem Fall steht hier: “Tazey is wanted in connection with Gordon Arthur, another on the Most Wanted list. In March 1999 UK Customs detected 7 million illegally imported cigarettes with a duty and VAT value £1.16 million. A further 21 seizures of alcohol and tobacco were identified which can be attributed to Arthur, with a duty value exceeding £5.5 million and a revenue loss nearer £15 million. In February 2000 Tazey broke her bail conditions and absconded; a warrant for her arrest was issued.” (http://www.flickr.com/photos/hmrcgovuk/7787497944/in/photostream, Hervorhebung R.F.).
Aha, “in connection with Gordon Arthur”, da schauen wir doch mal bei dem 60jährigen Herrn Arthur nach. Und nun steht da interessanterweise nicht „in connection with Emma Elizabeth Tazey“, sondern ein fast identischer Text ohne den anfänglichen Verweis auf eine andere Person in der Most Wanted-Liste.
Warum eigentlich nicht? Kann sich die Steuersünderin nur durch den Steuersünder ableiten? Wird hier bereits nahegelegt, wer die Strippen zog? Sind Frauen eher die Helferinnen der mehrheitlich männlichen Steuersünder? Oder kommen sie nicht so stark in Versuchung Steuerdelikte zu begehen, da sie im Schnitt über weniger Einkommen verfügen? Oder hinterziehen sie genauso kräftig Steuern und lassen sich dabei nicht so oft erwischen? Oder schaut die Justiz bei Frauen nicht so genau hin? Alles Spekulationen (Hinweise auf empirische Studien dazu sind gerne willkommen). 

Was wir wissen: Der gleiche Sachverhalt, wird hier unterschiedlich dargestellt. In der SZ ist Emma Elisabeth Tazey eine eigenständig Handelnde, deren Fall hervorgehoben wird, zumal ohne den Verweis auf den Co-Beschuldigten Arthur. Die Steuerbehörde selbst schafft durch ihren einseitigen Querverweis den Eindruck, Tazey sei Mittäterin. Wer unterliegt nun wohl dem stärkeren gender bias – die SZ oder die britische Steuerbehörde?

Freitag, 18. Mai 2012

Post-gender auf Süddeutsche?

Heute auf der Titelseite der Süddeutschen Zeitung: „Frankreichs Kabinett ist weiblich“. Im landläufigen Verständnis werden Personengruppen, die (ausschließlich) aus Frauen bestehen, als „weiblich“ bezeichnet. Nicht so bei der SZ: Bei „weiblich“ ist diejenige Hälfte des Kabinetts, die aus Männern (immerhin 17 der insgesamt 34 Ministerinnen und Minister) besteht, einfach mitgemeint. Aber dieser so innovative „post-gender“-Ansatz war wohl doch eher dem Zwang eines sparsamen Zeichenverbrauchs bei Überschriften in einer Spalte geschuldet. Und noch mehr: „Eines der Schwergewichte neben Premier Jean-Marc Ayrault ist Außenminister Laurent Fabius“. Schlussfolgerung eins: Für das Berufsfeld Spitzenpolitik gibt es nun in Frankreich vergleichsweise viele Frauen, aber alle doch eher „leichtgewichtig“? Und dass es mit dem post-gender dann doch nicht so weit her ist, zeigt die letzte in der Meldung enthaltene Information. Das (ach so weibliche) Kabinett beschloss auf der ersten Sitzung sich gleich einmal die Gehälter um 30 Prozent zu kürzen. Schlussfolgerung zwei: Je mehr Frauen, desto weniger Geld?
Genug gemeckert, die gute Nachricht: Frankreichs höchste Polit-Posten sind geschlechterparitätisch (dieses Wort hätte auch noch in die Spalte gepasst, liebe SZ) verteilt und auch ansonsten recht heterogen hinsichtlich des Migrationshintergrundes und des Alters. Das macht noch lange keine gute Regierung aus, aber mit Seitenblick auf unsere Bundesregierung rufe ich: Vive la France!
(Alle Zitate aus der Printversion der Süddeutschen Zeitung vom 18.05.2012, Seite 1, rechte Spalte).

Freitag, 11. Mai 2012

Wissen SPIEGEL-LESER mehr?

Seit längerer Zeit bezeichne ich den SPIEGEL als "Männer-Magazin" - was angesichts der Besetzung der Redaktion, aber auch angesichts der Leserschaft zwar vereinfachend ist, als Provokation jedoch taugt. Der SPIEGEL war schon vor dem schlechten Artikel von René Pfister zu Gender Mainstreaming (siehe Post vom Mai 2011) bei mir unten durch. Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass in einem Beitrag unter der Rubrik Wissenschaft (hüstel) männliche Untreue (und nur die natürlich) dadurch gerechtfertigt wurde, dass DER MANN seinen Samen breit streuen muss. Das war irgendwann einmal in den 1990er Jahren. Schon damals habe ich mich sehr gewundert, welches Wissen hier als Wahrheit verkauft wird. Wenn ich nach der Lektüre mehr wusste (wie ja die Eigenwerbung "Spiegel-Leser wissen mehr" verspricht), dann eines: Die Wissenschaftsredaktion des Spiegels hat eine selektive Wahrnehmung wissenschaftlicher Theorien (und ich mutmaße jetzt frecherweise: eben diese Theorien passen wohl einigen Autoren des Magazins ganz gut in ihr Weltbild und Lebensmodell.)
 
Nun ist tollerweise genau hierzu eine Studie erschienen: Lou Salomé Heer befasst sich mit dem "populärwissenschaftlichen Geschlechterdiskurs" des Magazins in einem Zeitraum von 1947 bis 2010. Ich habe es noch nicht gelesen, das Inhaltsverzeichnis klingt aber vielversprechend.  Zitat Verlagsinformation: "Seit Mitte der 1990er-Jahre machen Gene-Shopping, die Natur der Untreue, die Biologie der Partnersuche oder das Gen für Homosexualität in den deutschsprachigen Massenmedien vermehrt Schlagzeilen. Weshalb stehen biologistische Erklärungsansätze für «Geschlechterfragen» derart hoch im Kurs? Welche anderen Ansätze lösen sie ab? Welche Wissenschaften erhalten eine Stimme? Und welche Entwicklungen und diskursiven Verknüpfungen ermöglichen die Rede von «Spermienwettbewerb», «kostspieligen Männchen» und «Bio-Emanzen»? Die Autorin geht diesen Fragen exemplarisch anhand des Nachrichtenmagazins Der Spiegel nach und untersucht einen Ausschnitt aus dem weiten Feld des populärwissenschaftlichen Geschlechterdiskurses." (http://www.chronos-verlag.ch/php/book_latest-new.php?book=978-3-0340-1100-6&type=Kurztext)  

Schlussfolgerung daraus ist: Ja, DER SPIEGEL-LESER weiß bestimmt "mehr" - nur hinsichtlich Gender leider in erster Linie Unsinn....
Noch ein Hinweis auf ein Interview mit der Autorin: http://www.diestandard.at/1334797126119/Geschlecht-in-Leitmedien-Konjunktur-der-Hoehlenmenschen 

P.S.: Lektüreempfehlung für die Wissenschaftsredaktion des SPIEGELS: Cordelia Fine: Die Geschlechterlüge. Die Macht der Vorurteile über Frau und Mann (im original viel hübscher: "Delusions of Gender") http://www.cordeliafine.com/delusions_of_gender.html 



Mittwoch, 1. Februar 2012

Wenn zwei das Gleiche tun - Teil 4: Einparken

Es ist eine Weile her, da erschien ein sehr populäres Buch mit dem Titel „Warum Frauen nicht einparken und Männer nicht zuhören können“. Es verkaufte sich hervorragend und das Autoren-Ehepaar Pease und Pease verdiente einen Haufen Geld. An den Folgen dieses Top-Sellers mühe ich mich noch bis heute ab, wenn es wieder einmal heißt: „Aber gibt es nicht große biologische Unterschiede zwischen Frauen und Männern, zum Beispiel das mit dem Einparken und dem räumlichen Vorstellungsvermögen, das ist doch wissenschaftlich bewiesen, …, …“
Mit viel Geduld erkläre ich dann, dass solch pseudo-populärwissenschaftlichen Büchern jede fachliche Grundlage fehle, es zwar biologische Unterschiede gebe, diese jedoch recht vielfältig und nicht immer unbedingt eindeutig und auch nicht unbedingt immer an körperlichen Merkmalen festzumachen seien. Wenn ich einen guten Tag habe, sage ich den Anwesenden auch: „Ich kann zum Beispiel wahnsinnig gut einparken“ (das stimmt!). Wenn ich einen noch besseren Tag habe, gebe ich noch freimütig zu, woher das rührt: einzig und allein, da ich mir BESONDERS viel Mühe beim Einparken gebe, da ich auf KEINEN FALL dem Stereotyp entsprechen möchte, schlecht einparken zu können.
Pease und Pease geben mir und überhaupt allen Frauen da wenig Chancen, denn sie meinen, wir kämen „bereits mit vorprogrammierter Gehirn-Software auf die Welt (..). Die Tatsache, dass die Männer in der Regel auf die Jagd gingen und die Frauen sich um die häuslichen Angelegenheiten kümmerten, bestimmt auch heute noch unser Verhalten, unsere Überzeugungen und Prioritäten" (2000, S. 34). Und weiter hinten wird deswegen flott behauptet: „Zirka neunzig Prozent aller Frauen haben ein beschränktes räumliches Vorstellungsvermögen“ (S. 165, eine Quelle für diese Dreistigkeit fehlt natürlich).

Das von einer Biologin und einer Psychologin in Reaktion auf diese festlegende Weltordnung verfasste Buch „Warum Frauen glauben, sie könnten nicht einparken – und Männer ihnen Recht geben“ (2004) widerlegt die Behauptungen des Ehepaars haarklein und auf Basis wissenschaftlicher Quellen – es hat sich aber leider offensichtlich nicht so gut verkauft, den der Mythos eines besseren männlichen Einparkvermögens von Männern hält sich recht standhaft.
Und es ist tatsächlich ein Mythos: Vorgestern erschien die Studie einer englischen Organisation namens National Car Parks, die das glatte Gegenteil beweist: „It’s official: women are actually better parkers than men“ (http://www.ncp.co.uk/documents/pressrelease/ncp-parking-survey.pdf -  Pressemeldung vom 30.01.2012, aufgerufen am 31.01.2012). Es handelt sich hierbei um eine empirische Studie mit einem recht großen Sample (2.500 Fahrerinnen und Fahrer in England). Hier heißt es unter anderem: „In what may come as a shock to the egos of men across the country, women fared better in many areas of the scoring. This is despite the fact that, when questioned about their beliefs, only one fifth (18%) thought they were better parkers than men and less than a third (28%) of women believed they were better parkers than their partners.“ (Quelle siehe oben). Ein weiteres eindeutiges Ergebnis: Über drei Viertel der Befragten schätzt die Dauer des Einparkens bei Frauen länger ein als dieses tatsächlich beträgt.
Im Endergebnis ist der Unterschied aber nicht wirklich groß: von 20 möglichen Punkten bekommen Männer 12,3 und Frauen 13,4. Das wiederum beweist vor allem eines: Es gibt größere Unterschiede in den Einstellungen und Haltungen der Menschen als tatsächliche Unterschiede bestehen. Ein schönes Beispiel für Doing Gender. Dass die Organisation NCP die mageren 1,1 Punkte Unterschied öffentlichkeitswirksam als Beweis für das bessere Abschneiden von Frauen beim Einparken vermarktet, ist ein schönes Beispiel für die Dramatisierung von Gender. Aber die „perfekten Einpark-Tipps für alle die sie benötigen“ finde ich dann doch einen netten Service, sodass ich wieder mit der NCP versöhnt bin.
Und vor allem: Da wir jetzt wissen, dass die Unterschiede eher hausgemacht sind, ist das Einparken viel entspannter: Niemand muss mehr mit seinem oder ihrem Einparkverhalten beweisen, dass er oder sie besser oder schlechter einparkt als andere Menschen innerhalb oder außerhalb der eigenen Geschlechtergruppe - und dass soziobiologische Thesen über das Alltagsverhalten von Menschen in der heutigen Zeit sowieso nicht haltbar sind.
Vor diesem Hintergrund wäre meine Schlussfolgerung: Die ohnehin gesellschaftlich vollkommen irrelevante Frage nach Geschlechtermustern beim Einparken kann uns in Zukunft schnurzpiepsegal sein.

Quellen:
National Car Parks (2012) It’s official: women are actually better parkers than men“. Pressemeldung vom 30.01.2012. URL: http://www.ncp.co.uk/documents/pressrelease/ncp-parking-survey.pdf (aufgerufen am 31.01.2012).
Pease, Allan und Barbara (2002): Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken. Ganz natürliche Erklärungen für eigentlich unerklärliche Schwächen. München: Ullstein.
Frey, Regina (2002): Ganz natürlich? Männer und Frauen, erklären Allan und Barbara Pease, haben grundverschiedene Gehirnsoftware. Wissenschaft und Populärwissenschaft allerdings liegen bisweilen auch weit auseinander, in: die tageszeitung vom 30.11.2002.URL: http://www.taz.de/1/archiv/archiv/?dig=2002/11/30/a0247. (aufgerufen am 31.01.2012).
Quaiser-Pohl, Claudia und Jordan, Kirsten (2004): „Warum Frauen glauben, sie könnten nicht einparken – und Männer ihnen Recht geben“. München: C.H. Beck.

Dienstag, 10. Januar 2012

Bloggerin 2011 der Mädchenmannschaft und Dank

Zwischenmeldung in eigener Sache:
Zu meiner großen Freude hat mich die Mädchenmannschaft unter die 14 Kandidatinnen für die Bloggerin des Jahres 2011 gemischt. Und das obwohl ich erst seit einem Jahr blogge, dies weder sehr regelmäßig noch wirklich häufig tue (Zeitmangel!) und dieser Blog außerdem alles andere als technisch ausgefeilt ist. Das waren die Gründe nicht für mich zu stimmen. Aber natürlich gibt es auch gute Gründe dafür: Ich schreibe nie drauflos, sondern überlege meine Themen und Formulierungen schon recht genau. Ich möchte zwischen (bisweilen recht) abgehobenem Genderdiskurs und praktischer Geschlechterpolitik vermitteln. Ich gebe mir Mühe, dabei nicht langweilig zu sein (aber ok, das machen ja viele...).
Jedenfalls hoffe ich, dass die geneigten Lesenden merken, dass mir meine Themen Spaß machen und mir viel an der anregenden Vermittlung von fachlichen Informationen liegt.
Und auch wenn ich nicht zum "Bloggermädchen des Jahres 2011" gewählt werde: Alleine das Schreiben und tolle Kommentare waren es 2011 Wert. Deswegen nehme ich die Nominierung zum Anlass meinen Leserinnen und Lesern zu danken und sie bitten auch 2012 dranzubleiben - auch wenn ich nicht wöchentlich in die Tasten hauen werde.
Und hier gehts zur Abstimmung: http://maedchenmannschaft.net/jetzt-abstimmen-fuer-die-bloggerin-des-jahres-2011/