Montag, 3. Oktober 2011

Geschlechterverhältnisse bei den Piraten und sonstwo – Austausch mit Xander - Teil 2

Inzwischen ist es Oktober und die Korrespondenz mit Xander bleibt rege. Hier also Teil 2, dann müssen die geneigten Lesenden nicht so viel scrollen...

03.10.2011
Xander Dorn:
Hallo Regina,

wie angekündigt kommt nun meine ausführlichere Antwort. Ich denke, dass die meisten Mitglieder der Piratenpartei sich sehr oft ungeschickt ausdrücken, wenn sie mit dem Wörtchen „Gender“ konfrontiert werden. Das liegt meiner Meinung nach vorwiegend daran, dass diese mehrheitlich mit einem anderen Verständnis aufgewachsen sind und sich ihr Weltbild auch im Programm der Partei widerspiegelt. Das hatten wir beide bereits angesprochen. Ein anderer Faktor ist dann noch die mehrheitliche Medienunerfahrenheit, gerade unter Nicht-Vorstandsmitgliedern, aber auch das geringe Interesse, sich mit der Genderdebatte auseinanderzusetzen. Letzteres dürfte vorwiegend darin begründet sein, dass viele diese als abgeschlossen und obsolet ansehen und sich selbst nicht als diskriminierend betrachten. Es ist eine sehr egalitäre Bewegung, die jedoch medial oft anders dargestellt wird, als sie ist oder sich selbst sieht.
Es ist aber auch unbestritten eine Bewegung, die mehrheitlich von Männern getragen wird. Jetzt möchte ich aber einmal in den Raum werfen, dass Ursache und Wirkung hier nicht unbedingt so liegen müssen, wie dies meist von außen wahrgenommen wird. Die Piratenpartei wird gerne als Internetpartei ohne sonstige Themen dargestellt. Und wie Du schon sagtest, gibt es im IT-Bereich einen sehr starken Männerüberschuss. In der Piratenpartei sind sowohl im Vergleich mit der Bevölkerung als auch mit anderen Parteien überproportional viele Leute aus der IT-Branche bzw. noch in der Ausbildung befindliche IT-Experten aktiv. Dadurch konnte die Partei vor der Bundestagswahl 2009 als das Zugangserschwerungsgesetz vor allem Ursula von der Leyen und Wolfgang Schäuble, aber auch von Nicht-Unionspolitikern wie Herrn Wiefelspütz von der SPD, für mediales Aufsehen sorgte, enorm durch Fachwissen punkten. Es war also die große Koalition im Bundestag, welche die Netzpolitik auf die Bühne brachte und der Piratenpartei ihren gewaltigen Mitgliederzuwachs im Jahr 2009 bescherte. Zugleich wurde die Piratenpartei dadurch als Ein-Themen-Partei mit ausschließlichem Bezug auf das Internet dargestellt. Dieser Ruf haftet ihr noch immer an und viele aus dem IT-Bereich sind sicherlich auch gerade deshalb in die Partei eingetreten. Damit blieb der zahlenmäßige Männerüberschuss auch erhalten.
Für einen politisch interessierten Menschen muss also zuerst diese Hürde überwunden werden, sich mit einer als Internetpartei dargestellten Organisation überhaupt weiter zu beschäftigen oder zu dem Schluss zu kommen: „Das ist nicht meine Welt“. Wie es auch im Genderwiki mit Bezug auf entsprechende Studien richtig steht, wird das Internet stärker von männlichen Nutzern gebraucht. Warum das so ist, weiß und verstehe ich leider nicht, ich denke auch, dass es sich immer weiter ausgleichen wird. Dennoch ist auch das natürlich ein bekanntes Klischee. Das Internet wird mit männlich assoziiert, in Parteien sind ohnehin mehrheitlich Männer aktiv, keine der Parteien mit mehr Mitgliedern als die Piratenpartei bildet da eine Ausnahme. Dadurch wirkt die Kombination „Internetpartei“ erst recht wie eine Männerdomäne.
Kleine Zwischenbemerkung: Bei den Parteien mit weniger Mitgliedern als die Piratenpartei derzeit hat kenne ich die zahlenmäßigen Verhältnisse zwischen Männern, Frauen, LGBTI (Begriff zur Zusammenfassung von lesbian, gay, bisexual, transsexual, intersex) sowie Asexuellen nicht. Aber in den großen Parteien ist der Männerüberschuss bereits größer als die Gesamtzahl aller Mitglieder aller kleinerer Parteien zusammen.
Wenn dann noch wie nun eben besonders stark wieder seit der Abgeordnetenhauswahl in Berlin dieser Männerüberschuss sogar so negativ dargestellt wird, dass die Piratenpartei zusätzlich zu den eher abschreckenden Klischees als Ein-Themen-Partei und Internetpartei auch noch als frauenfeindliche Männerpartei publiziert wird, wird es schließlich umso unwahrscheinlicher, dass Frauen von sich aus versuchen würden, hinter diese Kulissen zu schauen oder sogar Mitglied in der Piratenpartei zu werden.

Ich war auf dem gestrigen Landesparteitag der Piratenpartei Rheinland-Pfalz. Dort habe ich zwar kein sex-counting durchgeführt, zumal es ggf. dadurch ungenau geworden wäre, dass Parteimitglieder und Gäste völlig durchmischt beisammen gesessen haben, aber auch so war deutlich, dass mehr Männer als Frauen anwesend waren. Gestört hat sich daran aber niemand. Es gab auch keinen separaten Frauentisch oder irgendeine andere Form von sichtbarer oder wahrnehmbarer Trennung. Stattdessen gab es Tische, für die der Vorsitzende des Landesverbands mit dem SWR vereinbarte, dass diese zum Schutz der Privatsphäre der dort Sitzenden nicht gefilmt werden.
Gleichstellung und Gleichberechtigung sind auch durchaus Thema, was, wie ich selbst gesehen habe, vor allem vom Rheinland-Pfälzischen Landesvorsitzenden Roman Schmitt vorangetrieben wird, der selbst beispielsweise auf verschiedenen Christopher Street Days aktiv ist. Die Repräsentation der Interessen von LGBTI scheint also in der Piratenpartei deutlich intensiver betrieben zu werden. Vielleicht auch gerade deshalb, weil dies anders als Ungleichheit zwischen Männern und Frauen noch als großes gesellschaftliches und rechtliches Problem betrachtet wird.
Siehe auch in diesem SWR-Video, besonders ab 3:30 : http://www.youtube.com/watch?v=AALK8COj07Y

Ich denke auch, dass es definitiv der Wille und ein Ideal der Piratenpartei ist, Gleichberechtigung und Gleichstellung zwischen allen Menschen herzustellen. Daher reagieren wohl auch viele Parteimitglieder mit einem verbalen Beißreflex in Form unhöflicher und beleidigender Kommentare, wenn sie sich als frauenfeindlich bezeichnet angegriffen fühlen. Ich will Beleidigungen nicht verteidigen, aber auf einer emotionalen Ebene halte ich solche Reaktionen für verständlich. Ich weiß auch, wie es ist, entsprechende Kommentare an den Kopf geworfen zu bekommen und mich kann ganz sicher auch nicht jeder Pirat leiden.

Ein bedingungsloses Grundeinkommen findet bei der Piratenpartei noch nicht flächendeckend überall eine Mehrheit, wobei das zum Teil an unterschiedlichen Vorstellungen zum genauen Modell liegt. Aber ich stimme Dir voll und ganz zu, dass es eine sehr zu dieser Partei passende Forderung wäre, da es für mehr Gerechtigkeit im Einkommen sorgt. Ein weiterer Punkt, der dafür spricht, ist der Datenschutz, denn für ein BGE müssen weit weniger Daten staatlicherseits erfasst werden als dies bisher für das Arbeitslosengeld II, Kindergeld und Rente etc. getan werden.

Die Piratenpartei erfährt nun auch einen erneuten starken Mitgliederzuwachs. Auf dem Landesparteitag in Andernach verkündete der Generalsekräter einen Mitgliederzuwachs um mehr als 10% (ungefähr 60 Neumitglieder) für den Landesverband. In Berlin dürfte das noch weit stärker ausfallen. Damit kommen natürlich auch wieder neue Erfahrungen und Meinungen mit in die Partei und die Kontaktfläche zwischen der Subkultur der aktiven Parteimitglieder und der sonstigen Gesellschaft vergrößert sich. Wir werden also mal sehen, ob dadurch auch im Bereich der Genderdebatte neue Impulse in die Partei getragen werden, die für eine bessere Verknüpfung zwischen der Gesellschaft und der Parteiarbeit sorgen und umgekehrt einer größeren Zahl von Menschen in diesem Land das Ideal der Piratenpartei verständlich wird.

MfG
Xander



05.10.2011
Regina Frey
Hallo Xander,

also das mit dem „ungeschickt ausdrücken“ finde ich ja ein wenig verharmlosend. Schau Dir doch die Kommentare an, das ist nicht ungeschickt, sondern das sind schlicht verbale Angriffe, die dann nicht immer etwas mit einer sachlichen Auseinandersetzung zu tun haben. Du schreibst ja auch: „Daher reagieren wohl auch viele Parteimitglieder mit einem verbalen Beißreflex in Form unhöflicher und beleidigender Kommentare, wenn sie sich als frauenfeindlich bezeichnet angegriffen fühlen.“
Also das „frauenfeindlich“ stammt ja von SPIEGEL online und nicht aus dem taz Interview. Ich zitiere aber mal etwas, das ohne Mühe als „frauenfeindlich“ bezeichnet werden kann:
„Natürlich haben die Piraten kein Frauenproblem, die ganze Diskussion ist abwegig und nur Zeitvertreib für Unausgelastete. Wenn sich nun mal nicht genug Frauen für diese oft als "harte Themen" angesehenen technischen Aspekte interessieren, kann man sie ja nicht zwingen. Oder sollen die Piraten ihre Tagungsräume rosa streichen, Wolle, Stricknadel und Gala/ Bunte bereit legen?
Wenn die Piraten zur nächsten Bundestagswahl antreten und sich den globalen Themen stellen müssen, wie Mindestlohn, Eurofinanzierungsablehnung, Umweltpolitik werden wohl automatisch mehr Frauen kommen, da die Themen allgemeiner sind. Vielleicht aber auch nicht, da oftmals dort die meiesten Frauen zu finden sind, wo es oberflächlich und scheinkarrieremässig das meiste zu holen gibt, das ist aber eher in den mainstreamartigen Massenparteien der Fall, weniger mit engagierter, alternativer und ethisch moralischer Denke und Handeln, etwa bei den Piraten!
Kommentar von „Analyst“ am 4.10. und wortgleich von „Friedrich“ am 3.10. (Hervorhebung durch mich, Rechtschreibfehler schon im Text). http://taz.de/Politologin-ueber-Piratenpartei/Kommentare/!c78449/

Auf was ich im Interview hingewiesen habe, sind Ungereimtheiten in der Partei mit dem Thema. Das ist zum Beispiel, dass es eine Nähe der AG Männer der Piraten zu Organen und Organisationen gibt, mit denen sicher viele Piratinnen und Piraten auch nichts zu tun haben wollen. Und es ist ja schön, wenn sich die Berliner Piraten von der Männer AG distanzieren (http://www.freitag.de/community/blogs/kallewirsch/stellungnahme-der-berliner-piraten-zur-ag-maenner-und-frauenpraesenz). Aber es ist schon schwer nachvollziehbar warum auf einer Seite, über der die Piratenflagge prangt, verlinkt wird zu den allzeit gekränkten Scheidungsvätern und maskulinistischen Männerrechtlern. Denn egal wie jemand zu deren Positionen steht: die sind nun definitiv das Gegenteil von Post-Gender.
Was ich nicht verstehe: wenn so viele bei den Piraten das auch blöd finden und sich als post-gender definieren, warum kapert dann niemand diese Seite? Es gibt ja ziemlich viele Leute in der Partei, die eine ganz andere Haltung zum Thema haben und das gekränkte Feminismus-Bashing auch bescheuert finden?
Fazit: Also für mich stellt es sich so dar, dass die Partei Herausforderung zunächst mal darin besteht, eine klarere Position zum Thema zu entwickeln.

Dann zu Deiner Beobachtung von Ursache und Wirkung und der Aussage:
„Wenn dann noch wie nun eben besonders stark wieder seit der Abgeordnetenhauswahl in Berlin dieser Männerüberschuss sogar so negativ dargestellt wird, dass die Piratenpartei zusätzlich zu den eher abschreckenden Klischees als Ein-Themen-Partei und Internetpartei auch noch als frauenfeindliche Männerpartei publiziert wird, wird es schließlich umso unwahrscheinlicher, dass Frauen von sich aus versuchen würden, hinter diese Kulissen zu schauen oder sogar Mitglied in der Piratenpartei zu werden.“
Also ich glaube nicht, dass sich politisch Interessierte jeden Geschlechts, die sich mit den Inhalten einer Partei befassen und die gut finden, sich vom Männer- oder Frauenanteil abschrecken lassen. Wir wissen alle, wie unterschiedlich Männer und Frauen innerhalb ihrer „sozialen Geschlechtergruppe“ sind und ich sage ja gebetsmühlenartig es gibt nicht „die Männer“ oder „die Frauen“ - schon gar nicht, wenn es um konkrete Personen geht. Was ich aber schon glaube ist, dass es nicht wenige Personen gibt, die bei den Piraten das Auseinanderfallen von Anspruch und Realität wahrnehmen. Und die wahrnehmen, wie ein gewisses Umfeld in einen Wadenbeiss-Modus verfällt, wenn es z.B. um das Thema Gender geht. Das schreckt dann schon ab. Abschreckend ist nicht zuletzt der Dunstkreis, der die Piraten auf eine Weise verteidigt, die ihnen selbst eigentlich nicht recht sein kann (siehe Kommentar oben).

Zum Thema Queer und Gender bzw. LGBTI schreibst Du „Die Repräsentation der Interessen von LGBTI scheint also in der Piratenpartei deutlich intensiver betrieben zu werden. Vielleicht auch gerade deshalb, weil dies anders als Ungleichheit zwischen Männern und Frauen noch als großes gesellschaftliches und rechtliches Problem betrachtet wird.“ Ich finde es ja ein wenig schief, wenn es in Richtung „Diskriminierungsolympiade“ geht. Ist Geschlecht nun die Ungleichheitsfabrik oder sind es die oder ist es eine der LGBTI-Kategorien? Die Frage ist doch gar nicht stellbar, da Gender auch in den LGBTI queerläuft (lesbisch: weiblich, schwul: männlich, bi: männlich und weiblich begehrend, trans: von weiblich nach männlich oder umgekehrt, inter: weder noch und deswegen Menschenrechtsverletzungen ausgesetzt). In den Gender Studies wird Gender als intersektionale Kategorie gefasst. „Unter Intersektionalität wird die Analyse der Verwobenheit und des Zusammenwirkens verschiedener Differenzkategorien sowie unterschiedlicher Dimensionen sozialer Ungleichheit und Herrschaft in einer integrativen Perspektive verstanden.“  http://www.genderwiki.de/index.php/Intersektional. Auch hier gibt es Wissen und Inhalte, die durchaus zur Versachlichung der „Genderdebatte“ beitragen können.   

So, jetzt bin ich zwar nicht auf jeden Deiner Punkte eingegangen, aber doch auf das eine oder andere. Vielleicht lassen wir unsere Korrespondenz auch so langsam auslaufen, ich finde wir haben ja schon viel gesagt. Evtl. könnten wir den Faden noch einmal aufgreifen, wenn eines Tages ein konkreter Anlass besteht?
Beste Grüße
Regina

05.10.2011
Xander Dorn: 
Hallo Regina!

Ja, das war jetzt eine lange und intensive Konversation und ich denke, dass diese auch für jeden Leser viele Denkanstöße zu bieten hat. Daher war es auch sinnvoll, diese so öffentlich zur Verfügung zu stellen. Wir werden sicherlich auch beide weiter beobachten, wie es bei der Piratenpartei und in der Politik im Allgemeinen weitergehen wird.
Danke also für die Korrespondenz!
Xander

06.10.2011
Regina Frey
Ich bedanke mich auch bei Xander und bei allen, die unseren Gedankenpfaden gefolgt sind. Wir sind gespannt, wie es weitergeht mit den Piraten.