Donnerstag, 29. September 2011

Geschlechterverhältnisse bei den Piraten und sonstwo – ein Austausch mit Xander Dorn

Neulich erhielt ich eine freundliche Email von Xander Dorn als Reaktion auf das taz-Interview vom 21.09.11 zur Piratenpartei. (http://www.taz.de/Politologin-ueber-Piratenpartei/!78449/). Er fragte, was denn besser gemacht werden könne. Nun gibt es hierauf kein Patentrezept, die Frage fand ich aber sehr berechtigt. Wir haben nach zwei weiteren Mailwechseln beschlossen, unsere Korrespondenz öffentlich zu führen, um unsere Überlegungen einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Auf der Website von Xander Dorn ist das auch zu lesen: http://xanderdorn.net
Vorweg aber noch kurz zum taz-Interview. Die Überschrift „Antifeministen dominieren“ ist nicht sehr geglückt und wer das Interview genau liest, merkt, dass ich das so vereinfachend nicht gesagt habe, das und weiteres habe ich bereits selbst kommentiert. Die ernst zu nehmenden Kommentare zum Interview (das sind einige aber leider nicht alle) zielen auf interessante Fragen um die Kategorie Geschlecht. Wir werden diese Fragen sicher nicht alle besprechen. Aber eine kritisch-kontroverse Reflexion gibt evtl. ein paar Gedanken-Bausteine.
Hier also unsere Mails:

Xander Dorn am 22.09.:
„Sehr geehrte Frau Frey,
ich habe Artikel der TAZ sowie bei Spiegel Online gelesen, in denen Sie zum Thema "Frauen in der Piratenpartei" zitiert wurden. Daher möchte ich mich gezielt an Sie mit der einfachen, aber nicht einfach zu beantwortenden Frage wenden: Was kann man, auch in der Piratenpartei, besser machen?
MfG
Xander Dorn“

Regina Frey
„Hallo Herr Dorn,
Da gibt es leider keine kurze Antwort. Habe ja so einiges dazu veröffentlicht, auf meiner Website gibt es Links. Frage: sind Sie Pirat? Hatte gestern ein nettes Gespräch mit einem Piraten und wir haben vereinbart, dass ich mal zu einem Treffen komme. Sorry, dass ich hier nicht ausführlich werde, hatte aber einen langen Arbeitstag, der auch noch nicht vorbei ist.
MfG
R. Frey“

Xander Dorn
Hallo Frau Frey,
nein, ich bin kein Pirat. Aber ich finde es dennoch gut, dass Sie den Kontakt mit Piraten nicht scheuen.
Ich habe mich nun auch auf der Seite gender.de umgesehen und bin von dort unter anderem zum Gender-Manifest ( http://www.gender.de/manifest/GenderManifest01_2006.pdf ) gekommen, an dem offensichtlich auch Sie mitgearbeitet haben. Doch anhand dessen, was ich darin gelesen habe, bin ich eher erstaunt über Ihrer Kritik an der Piratenpartei. So beispielsweise dieses Zitat:
"Die Reduktion von Gender auf biologisches Mann- oder Frausein allerdings ist ein Beispiel für Doing Gender, das Geschlechterpolitik zu einem banalen Abzählen von weiblichen und männlichen Köpfen (also bloßem sex counting) werden lässt - egal, was in diesen Köpfen steckt, und egal, was diese Menschen verkörpern. Eine solche biologische Fundierung von Gender läuft mithin der Grundidee des Gender-Begriffs zuwider."

Dies entspricht doch von der zugrundeliegenden Forderung, dass es nicht darauf ankommt, wieviele Vertreter welchen biologischen oder auch gelebten oder empfundenen Geschlecht oder Nicht-Geschlecht, voll und ganz dem, was in der Piratenpartei gelebt und praktiziert wird. Im Gegensatz dazu werden Sie von der taz so zitiert:
"Regina Frey: Ja, großartig. Nur leider nicht real. Auf ihrer Berliner Landesliste ist unter 15 Personen eine Frau. Geschlecht als Kategorie ist offensichtlich sehr wirkungsmächtig in der Partei." (http://www.taz.de/Politologin-ueber-Piratenpartei/!78449/ )

In demselben Artikel heißt es ebenfalls von Ihnen:
"Ich versuche auch auf eine Welt hinzuarbeiten, in der es egal ist, ob man alt oder jung, groß oder klein, männlich oder weiblich ist. Wir sind aber leider noch nicht so weit. Und bis dahin brauche ich Geschlecht als Strukturkategorie, um zu verstehen, wo Diskriminierungen liegen und sie dann auch abzubauen."

In der Piratenpartei wird hier bereits ein Schritt weitergegangen indem das Geschlecht beispielsweise nicht einmal in der Mitgliederverwaltung erfasst wird. Selbst in der alltäglichen elektronischen Kommunikation über die Mailinglisten der Partei treten die meisten Beteiligten mit Nicknames auf, die keinen Rückschluss auf das Geschlecht oder die Identität der Person zulassen. Und auch mit jenen, deren Geschlecht bekannt ist, wird in derselben Art und Weise kommuniziert. Ist es nicht gerade eine solche Gleichbehandlung und Gleichberechtigung, die auch Sie anstreben?

Es gab eine große Genderdebatte innerhalb der Piratenpartei - maßgeblich vor und auf dem Bundesparteitag in Bingen. Damals wie auch nun in der medial wieder aufkochenden Debatte waren es allerdings nicht konservativ denkende Chauvinisten, die eine männliche Vormachtstellung in der Partei erhalten wollten, die dagegen wetterten sondern besonders viele weibliche Parteimitglieder, Homosexuelle und Asexuelle, die sich durch die Forderung nach Sonderbehandlungen diskriminiert fühlten.

Das Selbstverständnis der Piratenpartei ist, dass hier das Ideal einer Gemeinschaft ohne Diskriminierung aufgrund angeborener (z.B. biologisches Geschlecht, aber auch ethnische Herkunft), angenommener (z.B. sexuelle Orientierung), anerzogener (z.B. Geschlechterrolle) oder sonstiger irrelevanter Merkmale wie Beruf oder Bildungsgrad nicht nur politisch gefordert sondern auch aktiv gelebt wird. Die Piratenpartei hat dabei einen sehr jungen Altersschnitt - etwa die Hälfte ist 30 oder jünger - und damit in einer Gesellschaft aufgewachsen, in der beispielsweise die Frauenquote als weitgehend etabliert betrachtet wird. Wird nicht gerade durch das Leben einer gleichberechtigten Gemeinschaft der restlichen deutschen Gesellschaft ein Spiegel vorgehalten, dass dort auch durch gutgemeinte Entwicklungen und Forderungen negative Vorbehalte weiter in den Köpfen zementiert wurden?

MfG
Xander Dorn

Regina Frey¨
Hallo Herr Dorn,
leider hatte ich echt was zu tun diese Woche und es hat länger gedauert. Danke zunächst für Ihre Anmerkungen und Fragen, die auf ganz zentrale Punkte in den Gender-Studies verweisen. Deswegen hier eine längere Antwort:
Im Manifest steht, wie Sie richtig feststellen, dass das alleinige „Sex-counting“ - also das Zählen von biologischen männlichen und weiblichen Menschen die Gefahr in sich birgt, dass dualisierende Geschlechtermuster wiederholt werden, also das bloße Abzählen von vermeintlich weiblichen oder männlichen Menschen nicht ausreichend sei. Allerdings sagt das Manifest nicht, dass dieses Zählen überflüssig sei. Wichtig sei es: „…die vorherrschende Geschlechterdualität nicht zu affirmieren, sondern nach deren sozialen Herstellungsprozessen und Funktionsweisen in geschlechtshierarchischen Strukturen zu fragen: Wie wird „Geschlecht“ immer wieder neu als bipolares Muster sozialer Zuschreibung in einer monotonen Weise reproduziert, die Männer und Frauen komplementär aufeinander bezieht und in hierarchische Verhältnisse bringt?.“ (Frey/Hartmann/Heilmann et. al. 2006: 2, Hervorhebung durch mich). Wir beziehen uns im Manifest auf Judith Lorber, die das schöne Buch „Gender-Paradoxien“ (Lorber 1999) geschrieben hat. Sie sagt zum Beispiel: „Man muss bei Gender ansetzen, um Gender zu demontieren (Lorber 2004). Das heißt also: Der Begriff Gender kann mit zwei verschiedenen Bedeutungen gebraucht werden:
a)      als analytische Kategorie zur Erfassung von Ungleichheitsverhältnisse und
b)      als Beschreibung eines Zustandes im Sinne der gesellschaftlichen Geschlechterverhältnisse bzw. einer bestimmten Geschlechterordnung – die es zu überwinden gilt.
Dieses „Using Gender to Undo Gender“ (Lorber 2000) scheint zunächst widersprüchlich, ist aber recht logisch, denn Ungleichheitsverhältnisse müssen ja zunächst benannt werden, um überhaupt Strategien zu entwickeln wie Veränderung geschehen kann. Mich interessieren als Genderforscherin eigentlich gar nicht so sehr diese banalen Zahlen, die Frauen und Männer ins Verhältnis setzen, sie sind eher ein Aufhänger für den genaueren Blick. Denn spannend wird es ja eigentlich erst hinter den quantitativ abzählbaren Verhältnissen (die ja ein Symptom für eine bestimmte Genderordnung in der Gesellschaft sind).
Fragen, die ich also für eine „Gender-Analyse“ stellen würde, wären: Welche kurz- und langfristigen Ziele hinsichtlich Geschelchtergerechtigkeit hat die Partei und mit welchen konkreten Aktivitäten, Strategien und Instrumenten sollen diese erreicht werden? Welche (subkulturellen) Gendermuster werden bei den Piraten gelebt? Welche Organisationskultur gibt es und welche informellen Hierarchien bilden sich nach welchen Kriterien dann doch immer wieder aus? Wer spricht (in wessen Namen) und setzt sich durch? Welche Themen werden als wichtig erachtet und welche nicht? Inwieweit werden Themen auch in ihrer gesellschaftlichen Gender-Dimension diskutiert und bearbeitet? Werden Erkenntnisse der Gender-Studies (inkl. Männer- bzw. Männlichkeitsforschung) für die Arbeit genutzt, um Themen noch besser zu durchdringen und gute, ganzheitliche Lösungen zu erarbeiten?

Und das ist auch der Grund warum ich im taz-Interview eben NICHT einfach sage, es gibt zu wenig Frauen bei den Piraten, da muss jetzt mal eine Quote her. Ich sage, dass Geschlecht wirkungsmächtig ist und ich sage, dass eine Quote für die Piraten eben gerade nicht ziehen wird. Ich verweise stattdessen darauf, dass ein Blick auf die Geschlechtermuster bei den Piraten interessant wäre (und meine damit nicht ausschließlich die bestehenden quantitativen Männer- und Frauenquoten - Quote hier natürlich im Sinne von Bestandsgrößen).  
Das heißt, ich versuche mit einem Genderbegriff zu arbeiten, der sich auf keinen Fall auf „Frauen“ reduziert. In der Debatte und auch medial bestärkt ist das leider derzeit der Fokus. Ich denke Gender durchaus als verwobenes soziales Verhältnis. Es gibt nicht DIE Frauen und DIE Männer – soziale Schicht, Alter, Herkunft, sexuelle Orientierung u.v.m. kreuzen immer die Geschlechterverhältnisse. Deswegen besteht in den Gender Studies auch der Anspruch „Gender“ als interdependente Kategorie zu denken. Einige sagen dazu auch Gender und Diversity, aber Diversity ist meines Erachtens ein etwas belasteter Begriff (siehe z.B. http://www.gender-netzwerk.de/positionen/gender_diversity.htm). Und trotz diesem Anspruch an Komplexität ist es wichtig, sich hier immer wieder Ausschnitte genau anzuschauen. Für die Piraten ist der Befund doch schon interessant, dass der Männeranteil an Neuabschlüssen in neuen IT Berufen steigt: 1997 waren es 86,4 Prozent und 2009 waren es (hoppla) sogar 91,5 Prozent (Pimminger 2010: 13). Und eine Partei, die mehr Demokratie online machen möchte, sollte sich auch dafür interessieren, dass es der Gruppe der 60 bis 69jährigen um 20 Prozent mehr Onliner gibt (46%) als Onlinerinnen (26%) (Kompetenzzentrum Technik-Diversity-Chancengleichheit e.V. mit Unterstützung der Initiative D21 und TNS Infratest 2007: 15 - Auswertungen hier auch nach Einkommen, Alter und Bundesländern).
Wenn Sie mir jetzt entgegenhalten, dass seien doch „irrelevante Merkmale“ und ich würde hier ein banales „Sex-Counting“ veranstalten, das nur dazu führt, dass Geschlecht noch dramatisiert wird – ok. Aber ich bin ehrlich gesagt skeptisch, dass bei den Piraten ein „Ideal einer Gemeinschaft ohne Diskriminierung“ gelebt wird. Denn auch die Piraten sind Teil dieser Gesellschaft. Sie bildet sicherlich hippere und egalitärere Formen von Gender aus, als die übrige Welt oder die CSU. Aber zu sagen: Wir leben hier quasi auf einer genderlosen Piraten-Insel der Glückseligen und gesellschaftliche Geschlechtermachtverhältnisse gibt es nur „da draußen“ - aber doch nicht bei uns...- ist das nicht eher eine Art Abschottungsstrategie? Ich hätte da eine vorsichtige These: Kann es etwa sein, dass über das Konstatieren der Geschlechter-Egalität eine kollektive Identität gestiftet wird in Abgrenzung zu Älteren (so über 40), die noch so etwas Antiquiertes wie eine Quote oder nach Geschlecht differenzierte Statistiken brauchen? Ich lese das ein bisschen aus Ihren Zeilen, korrigieren Sie mich, wenn ich falsch liege.

Zurück zum Manifest: Dort wird auch vorgeschlagen, dass es einen Dreischritt geben soll: „Konstruktion-Rekonstruktion-Dekonstruktion“ (Gender-Manifest, S. 2). Der erste Schritt dabei ist: „Konstruktionen von Zweigeschlechtlichkeit als solche benennen.“, der zweit Schritt ist: Rekonstruktion, also „Geschlechterunterscheidungen rekonstruieren statt Geschlechtsunterschiede anzunehmen.“. Der dritte Schritt ist dann erst die Dekonstruktion. Meine Einschätzung ist, dass derzeit bei den Piraten der Versuch unternommen wird, zuerst den dritten Schritt zu machen. Gender wird als bereits dekonstruiert angenommen und die glückliche post-gender Welt postuliert. Einig sind wir uns offensichtlich in der Frage, wo das hinführen soll. Zu tatsächlicher Gleichberechtigung, also einem „Gender Undone“ zu einer Gesellschaft, die ohne eine Zuweisung nach Geschlecht und all den anderen Kategorisierungen auskommt. Aber stellt die sich wirklich darüber ein, dass Personen mit nicht identifizierbaren Geschlechtsidentitäten im Netz kommunizieren? Ich weiß es nicht, aber auch hierüber gibt es guten Stoff aus den Genderstudies: http://www.genderwiki.de/index.php/Web_2.0

Weil Sie nach konkreten Hinweisen für die Piraten fragten: Statt die Geschlechterdebatte auf eine „Frauenfrage“ und bzw. Frauenquoten zu reduzieren (und damit auch dem Reflex der Medien zu folgen), sollten die Piraten weitermachen mit der Reflexion von komplexen Geschlechterverhältnissen – sowohl auf der Piraten-Insel wie auch auf dem Festland….

Beste Grüße
Regina Frey

Zitierte und weitere Literatur:
Frey, Regina;Hartmann, Jutta;Heilmann, Andreas;Kugler, Thomas;Nordt, Stephanie;Smykalla, Sandra 2006: Gender Manifest. Plädoyer für eine kritisch reflektierende Praxis in der genderorientierten Bildung und Beratung. URL: http://www.gender-mainstreaming.org (12.03.2008).
Kompetenzzentrum Technik-Diversity-Chancengleichheit e.V. mit Unterstützung der Initiative D21 und TNS Infratest 2007: Internetnutzung von Frauen und Männern in Deutschland 2007. Sonderauswertung Gender & Diversity des (N)ONLINER Atlas 2007. Kompetenzzentrum Technik-Diversity-Chancengleichheit e.V. (Hrsg.). Bielefeld. Url: http://www.initiatived21.de/wp-content/uploads/alt/NOA_Umzug/Sonderauswertungen/H5_Nonliner_Sonderauswertung_2007.pdf (28.09.2011).
Lorber, Judith 1999: Gender-Paradoxien. Opladen: Leske und Budrich.
Lorber, Judith (2004): Man muss bei Gender ansetzen, um Gender zu demontieren: Feministische Theorie und Degendering. In: Zeitschrift für Frauenforschung und Geschlechterstudien, Heft 2 + 3, S. 9-14.
Lorber, Judith 2000: Using gender to undo gender. A feminist degendering movement, in: Feminist Theory, Heft 1, S. 79-95.
Pimminger, Irene 2010: Junge Frauen und Männer im Übergang von der Schule in den Beruf.  http://www.esf-gleichstellung.de/fileadmin/data/Downloads/Aktuelles/expertise_uebergang_schule_beruf.pdf (28.10.2010).



Xander Dorn:
Hallo Frau Frey,

dass das reine Abzählen von Männern und Frauen, also das sex-counting, eine zahlenmäßige Ungleichheit aufdecken und damit ein Indikator für auch soziale, hierarchische oder rechtliche Ungleichheit nach Geschlecht sein kann, ist selbsterklärend. Und es ist gleichfalls verständlich, bei der Suche nach Ursachen dafür auch zunächst mit dieser einfachen Methode zu beginnen. Meist entsteht dabei jedoch der Eindruck, auch durch die Medienberichterstattung, dass damit die Analyse bereits aufhört und es ausschließlich eine so oberflächliche Betrachtung gibt. In der Piratenpartei wird im Mitgliedsantrag (Beispiel Landesverband Berlin: http://berlin.piratenpartei.de/wp-content/uploads/2010/05/PPB_Mitgliedsantrag_2010.pdf) und damit auch in der Verwaltung nicht erfasst. Das macht es für Genderanalysen natürlich schwierig, mittels sex-counting anzusetzen.
Daher kann man sich zuerst nur die Gesichter derjenigen betrachten, die auch für die Piratenpartei in die Öffentlichkeit treten. Das sind einerseits die Personen auf den Stimmzetteln und andererseits Vorstände. Das zahlenmäßige Verhältnis von 14 zu 1 auf der Berliner Landesliste lässt hier also diesen Indikator anspringen. Und auch die reine Zählung in den Vorständen auf Bundes- und Länderebene ergibt 89 Männer zu 17 Frauen (http://wiki.piratenpartei.de/wiki//index.php?title=Vorst%C3%A4nde&oldid=1108265). Das entspricht 16% Frauen. Ich bin dabei sehr oberflächlich vorgegangen und habe nur die Vornamen der unter diesem Link Aufgeführten als Indiz genommen und keine Befragung durchgeführt, ob sich diese auch selbst dem jeweiligen Geschlecht zugehörig fühlen. Ein erstes Anzeichen für Ungleichheit aufgrund des Geschlechts in der Piratenpartei gibt es also. Was ist in der Analyse der nächste Schritt?

Sie haben bereits erwähnt, "dass ein Blick auf die Geschlechtermuster bei den Piraten interessant wäre". Wie Sie bereits erwähnten, ist das Thema "Gender" sehr komplex und wird leider gerne auf eine Konkurrenz oder sogar gegenseitiger Unterdrückung von Männern und Frauen reduziert. Wie kann man also eine Genderanalyse an der Piratenpartei angesichts der Komplexität von biologischem Geschlecht, selbst noch zu unterscheiden nach Genotyp und Phänotyp, sexueller Orientierung, gefühltem Geschlecht und Asexualität, konkret durchführen? Sie nannten schon Fragen nach Zielen hinsichtlich der Geschlechtergerechtigkeit und konkrete Strategien auf diesem Gebiet. Bezüglich der Piratenpartei zitiere ich aus deren Grundsatzprogramm: "Gesellschaftsstrukturen, die sich aus Geschlechterrollenbildern ergeben, werden dem Individuum nicht gerecht und müssen überwunden werden." ( http://wiki.piratenpartei.de/wiki/images/0/04/Grundsatzprogramm-Piratenpartei.pdf S. 21). Das trifft, denke ich, den Kernpunkt der piratigen Geschlechterpolitik. Es wird dabei allerdings ein anderer Weg gegangen als "Doing Gender to Undo Gender". Ich teile daher Ihre Einschätzung, dass in der Piratenpartei nur noch der Schritt der Dekonstruktion gemäß des Gender-Manifests gegangen wird, also von einer Postgender-Gemeinschaft ausgegangen wird. Das betrachte ich in diesem Fall auch erst einmal wohlwollend, da es mit den besten Absichten geschieht und auch versucht wird, dies innerparteilich umzusetzen wie eben auch in der Nichterfassung von Geschlechtsmerkmalen. Wenn das als Ausschluss von der übrigen Gesellschaft verstanden wird, fände ich das sehr schade, denn die Piratenpartei hat sich hier ein Ideal einer egalitären Gesellschaft zum Ziel gesetzt und versucht dies so gut wie nur möglich vorzuleben. Dabei ist eine Partei natürlich kein abgeschlossenes und autarkes Biotop sondern steht in ständiger Wechselwirkung mit der Gesellschaft. Gerade bei der Piratenpartei, die sich als Mitmach-Partei aufstellt und aufgrund ihrer im Vergleich zu den im Bundestag vertretenen Parteien geringeren Mitgliederzahl besonders im Wahlkampf auf das Engagement parteiloser Sympathisanten angewiesen ist, ist das der Fall. Im Berührungsbereich zwischen einer Partei, die sich darin versucht, Post-Gender zu sein und einer Gesellschaft, in welcher noch eine Genderdebatte am Laufen ist, kommt es dann verständlicherweise zu Spannungen wie an den Grenzen kontinentaler Platten. Und um in dieser Metapher zu bleiben - denken Sie, Frau Frey, dass sich aufgrund dieser Unterschiedlichen Vorgehensweise die Piratenpartei und die übrige Gesellschaft auseinanderdivergieren werden, sie miteinander kollidieren werden und dabei ein System unter das andere gerät und sich dabei Gebirge und Gräben zwischen ihnen bilden oder beide weiter aneinandervorbeischrammen und es immer wieder zu heftigen Spannungsentladungen kommt?

Zu Ihrem Rat am Ende Ihrer letzten Mail:
Wie kann eine solche Reflexion stattfinden? Ich stelle mir da einen Gedankenaustausch beispielsweise auf Mailinglisten, Stammtischen, Arbeitstreffen und Parteitagen vor. Also ein gemeinsames Feststellen eines Ist-Zustandes. Korrigieren Sie mich bitte, wenn ich da gerade ein falsches oder abweichendes Bild vor Augen habe. Wenn man sich damit noch nie so intensiv auseinandergesetzt hat, es ist auch für mich das erste Mal in dieser Intensität, ist man auf einem anderen Stand als etwa Sie, die Sie sich sogar beruflich mit dieser gesamten Thematik und Methodik beschäftigen.

MfG
Xander Dorn

Regina Frey
(wir haben inzwischen vereinbart uns zu duzen...)

Hallo Xander,

danke für Deine Ausführungen und Dein Pirat_innenköpfezählen. Interessant ist ja, dass der Anteil von 7,1 Prozent bzw. 16 Prozent zwar gering ist, aber in Anbetracht des niedrigen Frauenanteils in IT-Berufen auch nachvollziehbar. Ich habe ja auch Stimmen gehört, die gesagt haben, na dann ist das halt so, vielleicht wollen wir dieses Verhältnis auch, wir sind nun mal eine männlich dominierte Partei. Ich verstehe aber das Wahlprogramm anders, darin steht etwas von Vielfalt und darin steht ja auch, dass Geschlecht generell nicht erfasst werden soll (also nicht nur bei den Piraten nicht). Das hieße dann: analysis impossible. Es gibt ja Vorschläge, damit so umzugehen, dass statt männlich – weiblich auch eine oder mehrere weitere Ausprägungen abgefragt werden, oder dass im Pass ein weiteres mögliches Geschlecht eingetragen wird (das wurde übrigens in Australien gerade eingeführt). Ich schätze aber, dass viele Piraten und Piratinnen auch gerne eine buntere Partei hätten, mehr Frauen, weniger Menschen deutscher Herkunft (mehr über 40jährige vielleicht auch?).

Zu Deiner Frage: Was kommt nach dem Sex Counting? Hier gibt es verschiedene Methoden, zum Beispiel die „3R-Methode“, die in Schweden entwickelt wurde. Sie ist für den Einstieg ganz gut, da eigentlich banal: Es wird nach Repräsentation (1. R), Ressourcenverteilungen (2. R) und den hinter diesen Verteilungen bestehenden Realitäten (3. R.) gefragt. Das erste R wäre mit dem Köpfezählen schon passiert, das zweite R würde weitergehen und nach Posten, Entscheidungsbefugnissen, Budgetzuteilungen usw. fragen (auch quantitativ) und das dritte R würde sich mit den Ursachen befassen (qualitative Analyse). Hier können durchaus verschiedene Methoden der empirischen Forschung zum Tragen kommen, wie Mitgliederbefragungen, Interviews mit Schlüsselpersonen, Textanalysen, teilnehmende Beobachtung etc.
Der nächste Schritt ist natürlich, aus dieser Problemanalyse konkrete Ziele und Schritte abzuleiten – wenn der Befund ist, dass sich Dinge ändern sollen. Das wäre dann ein entsprechender Organisationsentwicklungsprozess.
Da das etwas abstrakt ist, hier ein Beispiel: ich habe vor längerer Zeit (fast zehn Jahre her) eine Menschenrechtsorganisation beraten. Ausgangspunkt war damals, dass der Vorstand männlich dominiert war, die Basis aber sehr weiblich. Hier habe ich eine organisationsweite Befragung gemacht und ausgewertet. Ich habe Interviews mit verschiedenen Personen in der Organisation gemacht und zentrale Veröffentlichungen daraufhin analysiert, wie dort Geschlechterverhältnisse thematisiert werden. Dabei ging es natürlich nicht nur um interne Verteilungen, sondern auch darum, inwieweit Menschenrechte mit dem Fachdiskurs dazu verknüpft werden (das geht über die Thematisierung von Frauenrechten hinaus und beinhaltet auch die Frage, welche Konstruktionen von Männlichkeit zur Verletzung von Menschenrechten beitragen, wie die Rechte von LGBTI vorkommen und ob Frauen einseitig als Opfer und Männer einseitig als Täter dargestellt werden u. a.).
Auf der Basis dieser Analyse habe ich einen Bericht erstellt, der Vorschläge dazu gemacht hat, wie die Organisation in ihren Strukturen und Verfahren, in ihrer Personalarbeit sowie in ihren Inhalten das Thema Gender durchgehend berücksichtigen kann (ohne dabei Geschlecht zu dramatisieren, siehe Manifest).

Ein solches Vorgehen kann natürlich nicht auf eine Partei oder gar die Piraten übertragen werden. Aber weil Du die Frage ansprichst, wie das bei den Piraten als „Mitmach-Partei“ laufen kann: Ich fände es gut, wenn die Piraten ihren eigenen Ansatz finden könnten, um eine Analyse der Partei zu machen. Es gibt kein Rezept für ein solches Vorgehen: das was für eine bestimmte Menschenrechtsorganisation geeignet ist, muss nicht für die Piraten passen. Allerdings habe ich weder das Mandat noch den Auftrag einen Konzeptentwurf für die Umsetzung einer Piraten-Genderstrategie vorzulegen, die auch der Partei mit ihrem Anspruch an Egalität und Post-Gender gerecht wird.

Und ich sage es auch mal hier (da mir das in den Kommentaren unterstellt wurde): Ich war nie auf einen Auftrag für die Piraten aus (und habe auch genug Projekte laufen). Aber nachdem, was nach dem taz-Interview so los war, hätte ich sowieso kein Interesse mehr, mich in dieses Getümmel zu stürzen. Dabei unterstelle ich nicht, dass es Piratinnen oder Piraten im engeren Sinn sind, die sich hier daneben benehmen. Aber es gibt eben dieses Umfeld, das schwer verdaulich ist. Ich will einfach nicht unaufgeforderte „Offene Briefe“ an meine Arbeitsemail von Leuten bekommen, die meinen, mich und meine Arbeit disqualifizieren zu dürfen. Wie gesagt, es gab ein paar nette persönliche Kontakte, aber was über das Netz abläuft, wenn es um Genderfragen bei den Piraten geht, ist zum Kotzen.
Weil Du fragst, wie eine Reflexion über Gender stattfinden könnte: Meine Einschätzung zum Thema Kommunikationskanäle ist, dass das eher nicht-virtuell sein sollte, da in 3D die Trollfrequenz sicher abnimmt. Entscheidend aber wird auch das WIE sein: Wenn sich Leute innerhalb der Partei ernsthaft mit dem Thema befassen sollten, könnten sie danach schauen, warum es gerade hier so extrem viele unentspannte Statements gibt und wie die Diskussionskultur ein wenig zivilisierter wird.

Zu Deinem Satz: „Im Berührungsbereich zwischen einer Partei, die sich darin versucht, Post-Gender zu sein und einer Gesellschaft, in welcher noch eine Genderdebatte am Laufen ist, kommt es dann verständlicherweise zu Spannungen wie an den Grenzen kontinentaler Platten.“ Dazu hatte ich glaub ich schon meine Haltung beschrieben: Ich glaube, dass sich die Piraten was vormachen, wenn sie meinen, das Postulieren von Post-Gender erübrige eine Genderdebatte (wie das NOCH sonst wo üblich ist). Ich hatte ja schon in meinem Blog etwas ironisch das Grundsatz Programm leicht abgewandelt und geschrieben "Parteistrukturen, die sich aus Geschlechterrollenbildern ergeben, werden dem Individuum nicht gerecht und müssen überwunden werden."
Ich glaube einfach, dass je mehr die Piraten sich im politischen Geschäft etablieren werden, desto mehr werden sie sich der ‚realen Welt da draußen‘ stellen müssen und auch konkrete Ideen und Strategien entwickeln, wie mit gesellschaftlichen Herausforderungen umgegangen werden kann. Dabei zielen einige Dinge, die die Piraten fordern, automatisch auf Geschlechterverhältnisse. Wenn es zum Beispiel keine Mini-Jobs mehr gäbe oder ein Mindestlohn eingeführt würde bzw. es ein Grundeinkommen geben würde, dann würde sich das ganz deutlich positiv auf Geschlechteregalität auswirken. Ein Grundeinkommen würde auch die unbezahlte Care-Arbeit aufwerten, auch das ein klares Geschlechterthema. Ich glaube, die Abschaffung des Ehegatten-Splittings (das auf überkommene Geschlechtermuster aufbaut und diese reproduziert) fordern die Piraten ohnehin – das ist ja auch eine uralte feministische Forderung. Diese Gender-Dimension im politischen Handeln mitzudenken und sichtbar zu machen ist wichtig und mir ist es wirklich vollkommen egal, welches Geschlecht von vielen diejenigen in einer Partei haben, die diese politischen Inhalte vertreten. Oder sogar anders: Vielleicht liegt sogar eine Chance darin, dass Menschen, die sich selbst als männlich definieren, für Geschlechterpolitik zuständig sind (aber bitte nicht neben Familie, Jugend und Senioren), während diejenigen, die sich als weiblich bezeichnen, dann die so genannten ‚harten‘ Ressorts wie Wirtschaft und Finanzen machen. Das ist in den etablierten Parteien nämlich leider meist recht traditionell und wäre dann eine hübsche paradoxe Intervention.

Du fragst nach meiner Einschätzung für die Zukunft: Es wäre vermessen, hier eine Diagnose zu geben, ich habe keine Ahnung wie sich die Partei weiterentwickeln wird und was da kollidieren kann und was nicht. Ich hoffe natürlich sehr, dass sich ein paar Piratinnen und Piraten von unseren Überlegungen inspirieren lassen. Aber das liegt ja nicht in unserer Hand…

Dir noch ein schönes Wochenende

Regina


P.S.: Noch zwei Hinweise:
Der Evangelische Entwicklungsdienst hat eine Genderstrategie, die ich für diese Organisation ganz gut finde. http://www.eed.de/de/de.eed/de.eed.eed/de.sub.11/de.sub.pub/de.pub.de.168/index.html
So eine Strategie sähe natürlich für die Piraten komplett anderes aus, evtl. ist es aber als Beispiel ganz geeignet, wie andere mit dem Thema umgehen.

Und: Süddeutsche Zeitung an diesem Wochenende: „Her mit den Piratinnen!“ Nicht Post-Gender – aber ein guter Eindruck, wie der eher bildungsbürgerliche Kontinent das Thema so besetzt…


P.P.S.: Ich kann nicht so schnell reagieren wie Du, habe echt viel zu tun gerade… deswegen hab bitte Geduld.


Xander Dorn: 
Hallo Regina!
P.P.S.: Ich kann nicht so schnell reagieren wie Du, habe echt viel zu tun
gerade… deswegen hab bitte Geduld.


Diesmal muss auch mal ich um Geduld bitten, denn ich habe mir heute den Tag mit dem neuen Bundeswahlgesetz um die Ohren geschlagen und werde auch Morgen nicht dazu kommen, eine Antwort zu schreiben. Ich wurde nämlich gestern zum Morgen stattfindenden Landesparteitag der Piratenpartei Rheinland-Pfalz eingeladen. Daher biete ich Dir an, dort eine Mitgliederbefragung durchzuführen, wenn Du mir bis spätestens Morgen früh (ich weiß leider noch nicht, wann Abfahrt ist) einen passenden Fragebogen schickst. Meine Antwort auf Deine heutige Mail kommt dann wohl erst am Montag oder, falls es mit dem Fragebogen klappt und ich die Daten noch abtippen muss, sogar erst am Dienstag.

MfG
Xander

Regina Frey:

Hallo Xander,
„Daher biete ich Dir an, dort eine Mitgliederbefragung durchzuführen, wenn Du mir bis spätestens Morgen früh (ich weiß leider noch nicht, wann Abfahrt ist) einen passenden Fragebogen schickst.“
Da müssen wir wohl kurz etwas klären.
Meine Idee war ein Austausch zum Thema, daher bin ich überrascht über das „Angebot“ einen Fragebogen zu senden. Ein Fragebogen entsteht aus einem Untersuchungsdesign zu einer Fragestellung eines Forschungsprojektes. Das haben wir nicht und das funktioniert nicht mal so kurz über Nacht.  
Ich habe ja erklärt, warum ich die Piraten als Partei nicht beraten werde. Wenn die Partei beschließt, sie möchte in Genderfragen extern beraten werden, dann sollte sie eine Ausschreibung machen. Üblicherweise wird dann von interessierten Dienstleistungsunternehmen ein Angebot geschrieben, das auch ein Kostenangebot enthält. Wie gesagt,  ich wäre da nicht dabei, unter anderem weil ich üblicherweise aus Gründen der Neutralität keine Parteien berate (allenfalls Stiftungen).
Dennoch wünsche ich viel Erfolg auf dem Parteitag und bin natürlich gespannt, was Du berichten wirst.
Beste Grüße
Regina