Mittwoch, 27. Juli 2011

Zur geschlechterpolitischen Verortung des Norwegen-Attentäters Breivik

Themenwechsel und Tonfallwechsel: Ein Thema, bei dem jede Ironie unangemessen ist. Es geht um den Anschlag in Norwegen und die Motive des Mannes, der kurz vor seiner Tat eine „Europäische Unabhängigkeitserklärung“ verfasst und verbreitet hat. Das Papier umfasst an die 1.500 Seiten und enthält eine ganze Reihe an Zitaten ohne Quellennennung.
Ich möchte den Täter mit der Besprechung seiner kruden Thesen nicht aufwerten. Er ist ein kleingeistiger Feigling, der wehrlose Menschen ermordet hat. Ernst zu nehmen ist jedoch das Gedankengut, mit dem er seine Taten legitimiert und aus dem er seinen Hass speist. Er ist kein verwirrter Spinner oder gar unzurechnungsfähig. Wer das „Kompendium“, wie er es bezeichnet, liest, weiß: Der Mann wusste, was er tat. Er hatte ein Ziel, das er überlegt verfolgte.
Um einen Teil dieses Legitimationsgerüstes zu beleuchten, werde ich im Folgenden den Text einerseits für sich sprechen lassen und einige Originalpassagen zitieren. Andererseits werde ich sie auch kommentieren, um die geschlechterpolitische Haltung des Täters und Verbindungen zur Ideologie der Neuen Rechten und ihres Umfelds zu verdeutlichen.

Eine ausführliche Analyse kann an dieser Stelle nicht geleistet werden, aber wenigstens ein Schlaglicht auf ein medial unterbelichtetes Thema soll erlaubt sein (Ausnahme: siehe Quellen unten). Denn im Fokus der Medienberichterstattung steht fast ausschließlich die Islamfeindlichkeit des Attentäters. Das ist einerseits richtig: Sein Schriftstück bedient im Schwerpunkt Ressentiments gegen „die Muslime“. Das Dokument ist aber nicht nur islamfeindlich und rassistisch; es ist – abgeleitet aus einer generellen Linkenfeindlichkeit – sexistisch und sehr direkt antifeministisch.
Kurzer Exkurs: Es lässt sich trefflich darüber streiten, was feministisch oder Feminismus ist, wo er anfängt oder aufhört und warum er in Deutschland noch viel verpönter ist als in anderen Ländern. Aber belassen wir es bei der groben Feststellung, dass Feminismus eine emanzipatorische Bewegung und Denkrichtung ist. Er hat das Ziel der Gleichstellung von Frauen und Männern, die auch eine neue und insgesamt gerechtere Gesellschaftsordnung umfasst. Er hat viele Ausprägungen und lässt sich auf keinen Fall auf die Thesen von Alice Schwarzer reduzieren.

Zum Text: Die Überschriften beziehen teilweise direkt Stellung zum aktuellen Geschlechterdiskurs, den wir auch hierzulande führen:  
“2.8 The Failure of Western Feminism (…)
2.9 How the Feminists’ ‘War against Boys’ Paved the Way for Islam (…)
2.10 Feminism Leads to the Oppression of Women (…)
2.11 What is the Cause of Low Birth Rates? (…)
2.12 The Fatherless Civilisation“

Aber wie wird das Feindbild des Feminismus hergeleitet? Zunächst über das, was er als „kulturelle(n) Marxismus“ bezeichnet. Dessen Merkmale seien Political Correctness und hiervon sei Feminismus ein wesentlicher Teil: Im Kapitel „Radical Feminism and Political Correctness“ (S. 18f.) zieht er folgende Verbindung: „Perhaps no aspect of Political Correctness is more prominent in Western European life today than feminist ideology.“ (S. 18).
In einem Abschnitt zu den vermeintlichen „geschichtlichen Wurzeln der Political Correctness“ (S. 5) interpretiert er die folgende Gesellschaftsvorstellung in die Kritische Theorie und die Frankfurter Schule hinein:
“The patriarchal social structure would be replaced with matriarchy; the belief that men and women are different and properly have different roles would be replaced with androgyny; and the belief that heterosexuality is normal would be replaced with the belief that homosexuality is equally ‘normal’.” (S. 6)
Hier werden gleich drei „Schreckensszenarien“ bedient: die „Gefahr“ einer weiblichen Vorherrschaft (Matriarchat); gleichzeitig die Auflösung von Geschlechterunterschieden (Androgynität) und zuletzt der Verlust einer heterosexuellen Norm.
Werfen wir einen genaueren Blick auf den zweiten Punkt, die Geschlechterdifferenz. Hier wird es direkt gendertheoretisch interessant.
“Critical Theory as applied mass psychology has led to the deconstruction of gender in the European culture. Following Critical Theory, the distinction between masculinity and femininity will disappear. The traditional roles of the mothers and fathers are to be dissolved so that patriarchy will be ended. Children are not to be raised according to their biological genders and gender roles according to their biological differences. This reflects the Frankfurt School rationale for the disintegration of the traditional family.”
(S. 20, meine Hervorhebungen)
Die Gefahr einer vermeintlichen „Auflösung“ von Gender (so die Interpretation von Dekonstruktion), als das Verschwinden der Differenz von Männlichkeit und Weiblichkeit, wird auch bei den deutschsprachigen Neuen Rechten gerne beschworen (vgl. z.B. das Buch der FPÖ-Politikerin Rosenkranz zu Gender Mainstreaming).
“Biological genders” ist in sich ein Paradoxon: Die Rede vom „biologischen sozialen Geschlecht“ (so müsste das übersetzt werden), lässt nur den Schluss zu, dass der Täter davon ausgeht, dass Frauen und Männer angeborene gesellschaftliche Rollen haben, also qua Geburt der Platz von Männern und Frauen in der Gesellschaft festgelegt ist, also Geschlecht Schicksal und ein gesellschaftlicher Platzanweiser ist. Gender wurde als Konzept eingeführt, um diese im Kern diskriminierende Weltordnung zu hinterfragen. Gender drückt das gesellschaftliche Geschlechterverhältnis aus, das menschengemacht und somit veränderbar ist (und ohnehin im steten Wandel ist).

Auch zum altbekannten Thema der Frauenquoten in Führungspositionen hat der Täter eine Meinung:
“Totalitarian feminists in Norway are threatening to shut down private companies that refuse to recruit at least 40 percent women to their boards (…) by 2007, a Soviet-style regulation of the economy in the name of gender equality.” (S. 336)

Die Verknüpfung von Antifeminismus und Antiislamismus wird in diesem Zitat deutlich:
“If all oppression comes from Western men, it becomes logical to try weakening them as much as possible. If you do, a paradise of peace and equality awaits us at the other side of the rainbow. Well congratulations to Western European women. You’ve succeeded in harassing and ridiculing your own sons into suppressing many of their masculine instincts. To your surprise, you didn’t enter a feminist Nirvana, but paved the way for an unfolding Islamic hell.” (S. 337)
Auch hier wird wieder eine genuine Männlichkeit beschworen, die durch „Westliche Frauen“ zerstört würde. Dabei ist die Zuschreibung eines männlichen Instinkts, der (wie er an anderer Stelle darlegt) natürlich kämpferisch ist, nicht nur frauen- sondern auch männerfeindlich. Denn von einer kriegerischen Männlichkeit abweichende Männlichkeitsmuster wären in der Konsequenz dann „abnorm“.

Vollkommen schrecklich werden seine Ausführungen, wenn er seine Bluttat vorauseilend rechtfertigt. In Kapitel 3.46 “Killing women on the field of battle directly or indirectly” schreibt er:
“On a personal level though; had it been up to me, women would not be encouraged to become system protectors at all - police officers nor military personnel. Females on average (of course; there are always exceptions) are physically and mentally inferior (aprox 20-30%) on a field of battle. I am not comfortable with the concept of killing females as they are simply too valuable to be put in harm’s way. However, we have little choice under the current regimes as they are encouraged and even positively discriminated against when applying to become system protectors in many countries.” (S. 924).
Der paternalistische Sexismus, der aus diesen Zeilen spricht, muss eigentlich nicht mehr interpretiert werden. Den Ausschluss von Frauen aus bestimmten Berufsfeldern zunächst zu legitimieren, um sie dann als „wertvoll“ zu bezeichnen, reduziert Frauen auf ihre Gebärfähigkeit. Implizit wird auch hier wieder eine krude Männlichkeitskonstruktion deutlich: Im Gegensatz zu den „wertvollen“ Frauen, so legt der Absatz nahe, könne man Männer dann ja bedenkenlos töten. 

Dies war nur ein kleiner und wenig systematischer Einblick in die Gedankenwelt des Attentäters. Der Text ist gespickt mit geschlechterreaktionären Positionen: Sexismus, Homophobie und Antifeminismus sind wesentliche Säulen des Gedankengerüsts auf die Breivik sein Handeln stützt. Wer sich mit dem Gedankengut der Neuen Rechten auch hierzulande beschäftigt, sieht die Überschneidungen der Themen und Argumentationsmuster auf den ersten Blick. Es bleibt nur zu hoffen, dass das Konvolut einen Zweck erfüllt: Wer in Zukunft dieses Gedankengut bedient, wird damit rechnen müssen, auf die entsprechenden gedanklichen Analogien zu dem Attentäter hingewiesen zu werden.

Anmerkungen: In weiten Teilen übernimmt der Täter Passagen eines Bloggers namens Fjordman. Da sie somit Teil der Veröffentlichung sind, habe ich die übernommenen Zitate nicht gesondert als solche gekennzeichnet. Da das mir vorliegende Dokument keine Seitenzahlen hat, werden die Seitenangaben des pdf-Dokuments herangezogen.

Weiterer Artikel zum Thema: 
Goldberg, Michelle (2011): Norway Killer’s Hatred of Women. In: Newsweek: The Daily Beast, 24.07.2011. Url: http://www.thedailybeast.com/articles/2011/07/24/norway-massacre-anders-breivik-s-deadly-attack-fueled-by-hatred-of-women.html (27.07.2011).

Dieser wurde auch aufgegriffen von dieStandard (Österreich):
dieStandard (2011): Massaker in Norwegen: Täter getrieben von Hass auf Feministinnen. In: dieStandard, 26. Juli 2011. Url: http://diestandard.at/1310512178060/Massaker-in-Norwegen-Taeter-getrieben-vom-Hass-auf-Feministinnen (27.07.2011).

In diesem Zusammenhang auch lesenswert:
  • Kerner, Ina (2009): Differenzen und Macht: Zur Anatomie von Sexismus und Rassismus. Campus.
  • Gesterkamp, Thomas (2010): Geschlechterkampf von rechts: Wie Männerrechtler und Familienfundamentalisten sich gegen das Feindbild Feminismus radikalisieren. Friedrich-Ebert-Stiftung (Hg.): Wiso-Diskurs. Url: http://library.fes.de/pdf-files/wiso/07054.pdf (27.07.2011). 
  • Rezension von mir zum Buch der FPÖ-Politikerin Barbara Rosenkranz: "MenschInnen". Graz: Ares Verlag 2008, in: querelles-net, Jg. 10, Nr. 1 (2009), Url: http://www.querelles-net.de/index.php/qn/article/view/714