Freitag, 22. Juli 2011

Wenn zwei das Gleiche tun – Teil 3: Sich die Haare schneiden lassen

Der Gang zum Friseursalon ist in der Regel eine teure Angelegenheit. Und er ist auch ein Feld der Ungleichbehandlung: Frauen, das ist allgemein bekannt, zahlen für einen Haarschnitt noch mehr als Männer. Warum eigentlich?

Die Frisörin meines Vertrauens sagt, dass Haarschnitte für Männer einfacher und damit auch schneller zu schneiden seien. Mein Einwand, dass das doch auf den Haarschnitt und nicht auf das Geschlecht des Körpers auf dem wiederum ein zu schneidender Kopf sitzt, ankäme, findet bei ihr durchaus Zustimmung. Und tatsächlich schnippelt ihr Kollege während unseres Gespräches schon eine erhebliche Zeit liebevoll und angeregt plaudernd am linken Nackenansatz seines Kunden herum.

Eigentlich ist die Sachlage klar: Ungleiche Preise bei gleicher Leistung sind verboten (Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz § 19). Da aber Männer im Schnitt (nicht Haarschnitt sondern Durchschnitt) frisurentechnisch pflegeleichter sind, zahlen sie weniger. Folglich müsste es nicht Damen- und Herrenhaarschnitte geben, sondern Lang- und Kurzhaarschnitte. Oder kompliziertes Vollprogramm mit Strähnchen und Schnickschnack versus einmal kurzes Scheren im Schafslook (oder so).

Es gibt ja diese Frisörkette, die sich Unisex nennt (was sympathischerweise an die EuGH-Entscheidung über Versicherungstarife erinnert, dazu aber an anderer Stelle mehr). Ich also ganz begeistert, gehe auf deren Website für Berlin und was finde ich? Krasse Ungleichbehandlung: „Haarschnitt und Styling, Cut & Style: Frisurenberatung, Haarwäsche und Pflege, Haarschnitt, du trocknest und wir geben deiner Frisur das Finish: 21,99 Euro“ Und jetzt kommt’s: „Für Männer: 18,99 Euro. Für Schüler und Studenten: 18,99 Euro“ Quelle: http://www.unisex-friseure.de/Salons/Berlin.aspx (aufgerufen am 22.07.2011) (Äh, und für Schülerinnen und Studentinnen dann doch wieder drei Euro mehr?). Also, liebe Unisexes, wenn es schon einen Frauen- und einen Männertarif gibt, dann müssten doch Frauen weniger zahlen, da sie im Durchschnitt 23 Prozent weniger verdienen (siehe unten). Das wäre dann doch eine „positive Maßnahme“ nach § 5 AGG: ungleiche Behandlung (z.B. Preisgestaltung) ist zulässig, wenn damit bestehende Ungleichheiten (Einkommensunterschiede) ausgeglichen werden. Oder?

Viel einfacher wäre es doch, wenn wir bestimmte Schnitte einfach als „Männerfrisuren“ bezeichnen würden. Klar wäre in diesem Fall, dass sich auch Frauen für einen schmalen Taler Männerfrisuren schneiden lassen können. Viele junge Jungs eifern ja den Fußballjungs nach und lassen sich einen Iro oder lustige Muster machen. Das fällt doch vom Aufwand her mindestens in den „Frauentarif“, oder? 
Keine Bange, Unisex: Niemand wird euch wegen der drei Euro vor den Europäischen Gerichtshof zerren. Aber wenn ich ein Mann wäre, dann ginge ich lieber zum Herrensalon um die Ecke, weil, da gibt es für Männer tolle Damenfönfrisuren: 
 


 Foto: Regina Frey

Quelle und P.S. zum Gender Pay Gap: 
Destatis-Pressemitteilung Nr.120 vom 24.03.2011: „2010: Verdienstunterschiede von Frauen und Männern bleiben bestehen“
Es wird hier der unbereinigte Gender Pay Gap gemessen, das heißt der prozentuale Unterschied im durchschnittlichen Bruttostundenverdienst von Männern und Frauen. Unbereinigt heißt unter anderem, dass sich hier die stereotype Berufswahl von Frauen und Männern niederschlägt (mit den entsprechend unterschiedlichen Verdienstmöglichkeiten). Etwas platter: Der Unterschied ist u.a. so hoch, weil Frauen zuhauf (schlecht bezahlte) Frisörinnen werden (und es gibt Leute, die dazu sagen: „Selber Schuld“ – ich gehöre nicht zu dieser Gruppe). Beim bereinigten Pay Gap (immerhin noch 8%) werden hingegen „vergleichbare Qualifikationen, Tätigkeiten und Erwerbsbiografien“ herangezogen. Link: http://www.destatis.de/jetspeed/portal/cms/Sites/destatis/Internet/DE/Presse/pm/2011/03/PD11__120__621,templateId=renderPrint.psml (aufgerufen am 22.07.2011)

Ach, ja, noch ein P.P.S.:
Warnung (insbesondere für Maskulinisten)!! Dieser Beitrag enthält ironische Anteile. Vor einem allzu ernst nehmen wird gewarnt.