Dienstag, 17. Mai 2011

Einen Preis für René Pfister!

Dem Spiegel-Redakteur René Pfister wurde der renommierte Egon-Erwin-Kisch-Preis aberkannt. Der Spiegel schreibt in seiner Stellungnahme: „Ein solcher Umgang mit einem untadeligen Kollegen widerspricht den Regeln der Fairness." http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,761579,00.html. Das wäre jetzt kein wirkliches Gender-Thema, hätte der Autor nicht vor einigen Jahren einen reichlich unfairen und auch unqualifizierten Beitrag zum Thema Gender Mainstreaming (GM) verfasst. Unter der knackigen Headline „Der Neue Mensch“ skandalisierte René Pfister damals GM als staatliches Umerziehungsprogramm. „Denn wenn das Geschlecht nur ein Lernprogramm ist, dann kann man es im Dienst der Geschlechtergerechtigkeit auch umschreiben. Das ist ein Ziel des Gender-Mainstreaming-Konzepts.“ Das ist sinnentstellend, denn GM ist eine Strategie, die darauf abzielt den Verfassungsauftrag der Gleichberechtigung zu unterstützen und nicht das Geschlecht umzuschreiben.
Die Fachwelt war erbost über seine Darstellung (Reaktionen siehe unten). Der Beitrag hat der Sache und vielen Personen geschadet - vor allem dem Verein Dissens e.V. dessen Arbeit einerseits verzerrend beschrieben und andererseits im Feld der GM-Arbeit überbewertet wurde.

Diese Verzerrung lag nicht an schlampiger Recherche. René Pfister hat über Monate hinweg mit verschiedenen Fachleuten Interviews geführt. Ich erinnere mich gut daran, mit ihm in Berlin-Mitte in einer Bar gesessen zu haben und mit ihm ein Hintergrundgespräch zu meinem Kerngeschäft geführt zu haben. Das Umschreiben des Geschlechts von Personen kam darin nicht vor. Es ging um Qualitätsentwicklung, Evaluation und Wirkungsabschätzung sowie die Verantwortung von Führungskräften hinsichtlich des oben genannten Verfassungsauftrages. Das hat ihn aber wohl nicht interessiert, denn er wollte wohl von Anfang an einen anderen Artikel schreiben. Als ich am Ende des Gespräches die Frage stelle, in welche Richtung denn sein Beitrag gehe, sagte er auch freimütig, es gehe ihm um GM als Umerziehungsprogramm. Ich war damals schon recht irritiert. Wie vorausschauend von mir, auf die Autorisierung von Zitaten zu bestehen und welch ein Glück, dass mein Name dann im Beitrag nicht vorkam.

Mir ist schon klar, dass ich hier jetzt nachtrete, aber dennoch: Danke an die Jury, denn Herr Pfister nimmt es nicht so genau mit der journalistischen Sorgfaltspflicht. Gezieltes Unterschlagen von Information, um einen Beitrag eine ganz bestimmte Farbe zu geben, hat nichts mit Qualitätsjournalismus zu tun. Deswegen hat René Pfister allenfalls einen Preis verdient in der Disziplin „gezielt an der Sache vorbei schreiben“.

"Der Neue Mensch“ von René Pfister unter: http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,457053,00.html (30.12.2006)

Das Netzwerk GMEI (Gender Mainstreaming Experts International) hat damals der Spiegel-Chefredaktion öffentlich ein exklusives Angebot für eine Qualifizierung in Gender-Kompetenzentwicklung gemacht. Die Herren haben leider nie reagiert...  http://www.gmei.eu/GeM_Special_SPIEGEL_GMEI.pdf.

Stellungnahme von Dissens und weitere Reaktionen auf den Beitrag: http://www.dissens.de/de/press/spiegel070114.php