Montag, 18. April 2011

Wenn zwei das Gleiche tun - Teil 2: Einen Roman schreiben

Neulich las ich eine Rezension über den neuen Roman von Siri Hustvedt („Der Sommer ohne Männer“). Die Rezensentin Meike Fessmann interpretiert: „Er wirkt wie ein entschlossener Schritt in die Entkrampfung, so als habe sich die Autorin gesagt, es solle nun genug sein mit den intellektuellen Spiegelgefechten ihrer früheren Romane, wenigstens einmal wolle sie sich so etwas leisten wie einen typischen Frauenroman. Dass man dennoch nicht unter Niveau unterhalten wird, dafür sorgen schon das Vorbild Jane Austen und Siri Hustvedts immer spürbare Intelligenz.“

Wir erfahren hier also, dass „Frauenromane“ unter Niveau sind und dass Schriftstellerinnen, die „Frauenromane“ schreiben nicht intelligent sind (oder zumindest nicht „spürbar“). Hm.
Aber was ist das eigentlich, ein „Frauenroman“? Das scheint niemand so genau zu wissen. Bei Wikipedia heißt es: „Der Begriff Frauenliteratur bezeichnet ein Genre sowohl belletristischer als auch essayistischer Literatur, die – im weitesten Sinne des Begriffs – als 'Literatur von Frauen und /oder über Frauen und/oder für Frauen' beschrieben werden kann.“ Und weiter: „Will man einen ungefähren allgemeinen Trend der Begriffsentwicklung im Laufe des 20. Jahrhunderts festmachen, so kann man vielleicht sagen, dass der Begriff heute eher von weiblichen Autoren geschriebene Literatur, in früheren Jahrzehnten eher Literatur mit weiblichen Protagonisten bezeichnet(e).“ Also, eine klare Eingrenzung sieht anderes aus. Bestätigt wird jedoch, dass es der Frauenliteratur an Niveau und Intellekt fehlt. Denn, so weiter im Eintrag, der Frauenroman wurde früher „nahezu synonym mit ‘Heft- oder Groschenroman‘ und ‘Trivialliteratur‘“ geführt.
Frauen, die Romane schreiben, müssen also ziemlich aufpassen, dass ihre Arbeit nicht in die Kategorie „Frauenroman“ rutscht. Diese Gefahr besteht aufgrund des Geschlechts der Autorin und erhöht sich, wenn darin eine Frau vorkommt. Männer haben es da leichter, obwohl sie ja auch (als Männer) Romane schreiben, die von Männern handeln und deren Beziehungen, Gefühlslagen und Stimmungen. Zum Beispiel habe ich vor kurzem Ian McEwans „Solar“ gelesen. Hier geht es um einen alternden Naturwissenschaftler, dessen eher verkorkste Beziehungen zu Frauen, den Umgang mit seinem Körper (schlecht!) und seine Selbstbetrüge. Großartiges Buch. Und übertragen wir die Beschreibung von Frauenliteratur aus Wikipedia, dann ist das unzweifelhaft ein Männerroman. Oder erst Philip Roth! Oder was ist mit „Der Fänger im Roggen“ von Salinger. Voll der Männer- bzw. Jungsroman. Nur werden diese Werke nicht als solches klassifiziert. Die Autoren können also vor einer Trivialisierung über die Geschlechter-Schiene sicher sein. Das ist dann so ähnlich wie beim Fußball: Männer spielen Fußball, Frauen spielen Frauenfußball. Männer schreiben Romane, Frauen schreiben Frauenromane. 

Was tun? Entweder „Frauenroman“ als Kategorie für zeitgenössische Literatur verwerfen. Oder Männerliteratur als eben diese kennzeichnen. Leider muss der Männerroman aber erst noch erfunden werden. Nochmal Wikipedia: „Der Artikel ‚Männerliteratur’ existiert nicht in diesem Wiki. Du kannst den Artikel erstellen (Anleitung).“ 
Ich warte dann, bis diese unglückliche Einteilung hinfällig wird und beide Einträge gelöscht werden dürfen. Werden wir es erleben?

Quelle des Zitats aus der Süddeutschen Zeitung:
http://www.sueddeutsche.de/kultur/siri-hustvedt-der-sommer-ohne-maenner-freudiges-wueten-1.1076079
 
Quelle aus Wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Frauenliteratur (Links im Text gelöscht)