Freitag, 11. Februar 2011

Quoten abschaffen sofort!

Zur Frauenquote ist ja eigentlich schon alles gesagt worden. Wir wissen, dass sie ein gar grässlich plumpes Instrument ist. Aber besonders geschmeidig ist es ja auch nicht, eine „freiwillige Selbstverpflichtung“ zehn Jahre lang auszusitzen und dann zu behaupten, das ginge alles nicht so schnell „…weil uns - anders als bei den Männern - nicht von heute auf morgen die nötige Anzahl an qualifizierten Frauen zur Verfügung steht oder diese einfach nicht bekannt sind.“ (Der frühere Commerzbank-Chef Klaus-Peter Müller im Interview mit Welt online). Klar, die Führungskräfte von morgen fallen nicht vom Obstbaum, die werden in einer ordentlichen Personalpolitik langfristig aufgebaut. Dass es aber schon vor zehn Jahren keine weiblichen „High Potentials“ gab, müsste uns Herr Müller erst noch beweisen. Und von wegen „Qualifikation“: Nach der Wirtschaftskrise und so ein paar Skandalen, wäre dann auch noch zu fragen, wie unglaublich qualifiziert unsere Leistungsträger wirklich sein müssen, um diesen Job gut zu machen. Oder was einen Roland Koch dazu qualifiziert, in den Vorstand eines Baukonzerns zu gehen und ab Juli automatisch dessen Vorstand zu werden.

Umgekehrt wäre zu fragen: Wieso eine Quote fordern, wenn es die doch schon gibt? Die 100 % Männerquote ist eigentlich schon Fakt auf den obersten Etagen der Privatwirtschaft (ein paar Unternehmen weichen minimal hiervon ab). Und ich will einfach nicht glauben, dass diese Quote Ergebnis eines unerbittlichen - aber natürlich total fairen - Wettbewerbs der Talente ist. Dass sich die besten Köpfe der Welt über rein objektiv festgelegt Auswahlkriterien an die Spitze der Unternehmen gekämpft haben. Einfach weil: Kein Unternehmen der Welt hat so perfekte Beurteilungs- und Auswahlverfahren, dass Leistung vollkommen vorurteilsfrei bewertet wird. Ganz viel funktioniert über "kennen-und-gekannt-werden", über „Stallgeruch“ und über erwartete Formen der Selbstdarstellung (nur um ein paar Mechanismen zu nennen). Der Faktor Geschlecht ist dabei - gerade bei eher monogeschlechtlichen Führungskulturen - ziemlich gewichtig (hierzu immer noch gut: Fried u.a. - siehe unten). Also: Die Bestenselektion, bei der nur die Durchsetzungsfähigsten, Entscheidungsstärksten und überhaupt Genialsten an die Spitze gelangen können, ist ein für einige sehr praktischer Mythos, da er Privilegien sichert. Meine Behauptung dagegen: Wenn es wirklich fair zuginge und tatsächlich Leistung (und zwar, das Ergebnis der Arbeit und nicht die verbale Performance oder die physische Anwesenheit auch nach 20 Uhr) zählen würde, dann hätten wir schon sehr viel mehr Frauen weiter oben.

Interessant ist aber an der jetzigen Debatte, dass auch immer mehr Männer sich mit diesen Gender-Mechanismen befassen und nicht zuletzt deswegen zu Befürwortern einer Frauenquote werden. Zum Beispiel Michael Domsch, Prof. an der Bundeswehr-Universität Hamburg (SZ, 5.2.2011, Beruf und Karriere). Oder die ausgetüftelte Variante des Wirtschaftsprofs Johannes Becker, der so ein ähnliches Verfahren wie im Bereich der Emmissionsquoten vorschlägt (SZ, Wirtschaftsteil, 10.02.2011). Da wird dann mit Quotenzertifikaten munter gehandelt wie am Aktienmarkt und das hat den Vorteil, dass die Frage der Repräsentanz von Frauen und Männern nicht mehr so arg als Politik-Thema, sondern als Management-Thema daherkommt und damit auch für einige Manager erträglicher wird. (Nachteil: Ich höre die bösen Zungen schon  von „(Vorstands-)Frauenhandel“ sprechen…).
Das sind immerhin Vorschläge von Leuten, die beim Wort Chancengleichheit nicht gleich hysterisch „Feminismus!“ schreien (oder denken). Die Gleichberechtigung als hohes demokratisches Gut sehen und nicht meinen, Art. 3 des Grundgesetzes ginge nur die Politik was an und Quoten wären nur für den Weichei-Bereich des öffentlichen Dienstes hinnehmbar. Die vor allem wissen, dass mehr oder weniger subtile Formen der Bevorzugung und Benachteiligung aufgrund des Geschlechts oder anderer (in einer Beurteilung nun mal sachfremder) Faktoren zu Mittelmäßigkeit führt. Genau DIE brauchen wir in den Top-Positionen (das Geschlecht dieser Personen ist dann vielleicht gar nicht mehr so wichtig). 

Deswegen zu allererst: Die bestehende Quote abschaffen! Heißt: Viel bessere Verfahren der Leistungsbeurteilung und der Auswahl von Führungskräften installieren! Gleichzeitig: Gute Leute ranlassen, die Chancengleichheit ernst nehmen! Wenn das geregelt ist, dann brauchen wir auch keine Frauenquote mehr. In der Zwischenzeit, so ist zu befürchten, sind plumpe Formen der Regulierung unumgänglich.

Lesetipp:
Fried, Andrea/Wetzel, Ralf/Baitsch, Christof (2000): Wenn zwei das Gleiche tun…: Diskriminierungsfreie Personalbeurteilung. Zürich.
Quelle des Zitats: