Freitag, 25. Februar 2011

Guttenberg: Gender-Bias oder Geschlechter-Bias? Oder beides?

Aus einer Gender-Perspektive gibt es zum Plagiat des Verteidigungsministers viel zu sagen. Es sei mir erlaubt an dieser Stelle mich selbst zu zitieren: "Wenn es wirklich fair zuginge und tatsächlich Leistung (und zwar, das Ergebnis der Arbeit und nicht die verbale Performance oder die physische Anwesenheit auch nach 20 Uhr) zählen würde, dann hätten wir schon sehr viel mehr Frauen weiter oben." (Blogeintrag vom 11.02.11). Also mit tatsächlicher Leistung hatte diese Dissertation wenig zu tun.  Ich sage jetzt nicht Frauen seien bessere Menschen und würden sich niemals am geistigen Eigentum anderer vergehen. Was aber schon auffällt, ist die Performance mit der Herr zu Guttenberg diesen ganzen Vorgang durchzieht. Denn was macht er? Entschuldigt sich und sagt, dass er damit dann gleich wieder ein Vorbild für andere sei (Bundestagsdebatte vom 24.02.11). Tritt eben nicht zurück (wie Frau Käßmann). Warum kann er sich das leisten? Warum wurde seine falsche Arbeit mit Summa beurteilt? Warum fällt nicht auf, dass hinter dem Schein eben keine Leistung steckt? Ich denke, es liegt hier ein doppelter Bias (Verzerrungseffekt) vor, der in diesem Fall hübsch auf die Spitze getrieben wurde.

Zum einen wissen wir, dass es in der Beurteilung von Leistung leider immer Verzerrungseffekte nach sozialen Merkmalen gibt. Professionelle Beurteilung versucht diese Effekte zu minimieren. Der Führungskraft werden beispielsweise gute Leistungen zugetraut, weil angenommen wird, dass die Person es nur aufgrund seiner oder ihrer Kompetenz soweit gebracht hat ("Hierarchie-Effekt"). Das stimmt aber ja nicht immer und insbesondere nicht für jede Art der Leistung. Warum Personen in der Vergangenheit hierarchisch aufgestiegen sind, hängt aber von vielen Faktoren ab, es sagt nichts über eine bestimmte aktuelle Leistung oder Kompetenz aus. Solche Effekte basieren auf Stereotypen und funktionieren wie Horoskope: Es kommt in der Regel das dabei heraus, was wir uns wünschen. Solche Effekte verstärken auch Geschlechterdisparitäten, denn es ist ja bekannt, dass es weniger Frauen in Führungspositionen gibt. Frauen können also im Schnitt weniger von diesem Effekt profitieren. Dazu kommt, dass Frauen ja immer so wahnsinnig viel Sozialkompetenz zugeschrieben sind. Blöderweise sind das aber eben nicht unbedingt Führungskompetenzen. Denn obwohl ja viel Gesumms gemacht wird über einen neuen so genannten "weiblichen" Führungsstil, wissen alle: Die erwünschten Attribute für Führungskräfte sind Durchsetzungsfähigkeit, Entscheidungsfreude und Zielorientierung - Eigenschaften, die eher nicht weiblich konnotiert sind. (Hierzu werde ich demnächst noch einmal mehr sagen)
Zwischenfazit: Bei der Beurteilung der (schlechten) Leistung des Herrn zu Guttenbergs könnte wohlmöglich ein gendergebundener Hierarchie-Effekt eine Rolle gespielt haben.


Bei Herrn zu Guttenberg waren bisher aber evtl. nicht nur seine Leitungsposition und das soziale Geschlecht wichtig, sondern auch sein ADELSgeschlecht. Auch hier gilt: Wenn zwei das Gleiche tun... - wird es höchst unterschiedlich bewertet. Wenn jemand auf AC/DC steht, interessiert das in der Regel niemanden. Wenn ein Herr zu Minister mit AC/DC  T-Shirt rumhüpft, dann ist das extrem unverkrampft, denn die Adeligen sind ja sonst eher zugeknöpft und formal. Ansonsten ist es aber nicht vermessen zu behaupten, dass wir in einer Gesellschaft leben, die immer noch so eine Art Adeligen-Dividende kennt. "Vons" sind dann eben doch die Besseren - als ein Hierarchie-Effekt im blaublütigem Gewand würde ich das bezeichnen. 

Ansonsten habe ich auch keine Erklärung mehr, wie ein derart unterirdisches Verhalten NICHT dazu führt, dass der Minister sein Amt niederlegen muss. Die Bundeskanzlerin hat da eine falsche Personalbeurteilung und -entscheidung getroffen, mal sehen ob sie das durchzieht. Auch ihr sei an dieser Stelle das Buch empfohlen: Fried, Andrea/Wetzel, Ralf/Baitsch, Christof (2000): Wenn zwei das Gleiche tun…: Diskriminierungsfreie Personalbeurteilung. Zürich.   
Allen anderen wird dieser offene Brief von Promovierenden an die Bundeskanzlerin ans Herz gelegt:
http://offenerbrief.posterous.com/