Freitag, 14. Januar 2011

Medien-Maskulinismus

Die Süddeutsche Zeitung steht für Qualitätsjournalismus und ich schätze sie eigentlich sehr. Wäre da nicht dieses Feuilleton. Das ist meistens so langweilig, dass nur noch weiterblättern hilft. Obwohl doch eigentlich gerade Kultur zu den prickelnden Bereichen des gesellschaftlichen Lebens gehört, bewerkstelligt diese Redaktion in fast allen Ausgaben eine kleine Zeitreise – und zwar in die Vergangenheit: Nachrufe, siebzigste Geburtstage, Portraits und so gut wie immer stehen weiße, alte, männliche Kulturschaffer im Vordergrund.
Deswegen stellt sich für die geneigte Leserin doch die Frage: Was verstehen die eigentlich unter „Kultur“? Und: Für wen schreiben die eigentlich? Gehöre ich vielleicht einfach nicht zur Zielgruppe?
Um dem nachzugehen, habe ich um Weihnachten herum (Urlaub!) eine kleine Analyse unternommen und einmal ausgezählt, welche Personen in den Beiträgen im Fokus stehen, wer benannt wird, wer abgebildet wird, wer schreibt. Da Alter und Bildungsgrad sowie weitere soziale Merkmale sich leider aus den Texten schwer erschließen lassen, habe ich das Geschlecht – soweit es sich aus einem Namen erschließen lässt - zu meiner Analysekategorie gemacht.
Die Gendertheoretisierenden werfen mir nun zu Recht Dramatisierung und Sex-Counting vor. Ok. Mir ist bewusst, dass das hier ein recht grobschlächtiges Verfahren darstellt, das keinen Bezug nimmt zu Inhalten, Zusammenhängen und Wertemustern. Das wäre interessant aber auch sehr zeitaufwändig. Mache ich dann, wenn ich vier Wochen Urlaub am Stück habe (nie).

Die Ausgaben vom 18.12. bis 27.12.2010 knöpfte ich mir vor (exklusive „Medien“ und „Wissen“). Jeder Beitrag wurde erfasst, auch Agenturmeldungen; insgesamt waren es 113 Texte. Hier das Ergebnis:

Kategorie
Gesamt
Anteil Männer
Anteil Frauen
Männeranteil in Prozent
1. Person im Fokus
79
70
9
88,6
2. Nachrufe/Porträts
9
8
1
88,9
3. Nennungen
755
627
128
83,0
4. Beitrag verfasst von
94
78
16
83,0
5. Abgebildete Personen/ Figuren
62
46
16
74,2

Zur Erklärung:
1.     Person im Fokus: Die Person oder die Personen, die im Titel oder Untertitel genannt sind und die es hauptsächlich in dem Beitrag geht, wurden erfasst.
2.     Anzahl der Nachrufe zu und Portraits über Männer und Frauen
3.     Anzahl der Nennungen von Männern und Frauen jeweils in einem Beitrag. Hierbei wurde die im Fokus stehende Person nicht gezählt, da bereits in einer anderen Kategorie erfasst. Auch wurde jede genannte Person in einem Beitrag nur einmal erfasst. Ausschlaggebend ist die namentliche Nennung einer Person oder Figur.
4.     Geschlecht des Autors oder der Autorin des Beitrags
5.     Abbildungen: Wenn der Beitrag mit Fotos versehen war: Geschlecht der Person oder der Personen, die abgebildet wurden. Allerdings wurden Menschenansammlungen/größere Gruppen nicht ausgezählt. Wenn das Geschlecht einer Person nicht in männlich/weiblich kategorisierbar ist, wurde sie auch nicht erfasst.

Und doch noch kleine inhaltliche Anmerkungen:
·       Bei den Nennungen wurden 17 der 128 Frauen in Ableitung von Männern genannt, also als Gattin, Geliebte, Freundin oder Tochter der im Fokus stehenden männlichen Person.
·       Zu „abgebildete Personen“: Hier kommen Frauen mit knapp über einem Viertel noch am häufigsten vor. Allerdings gibt es im betrachteten Zeitraum kein einziges Einzelporträt von einer Frau – mit Ausnahme der Figur Tamara Drew, die als Comiczeichnung abgebildet ist. Gerne werden Frauen in ihrem Bezug zu Männern dargestellt, z.B. in der Bildunterschrift: Brecht…“neben seiner Freundin Paula Banholzer“. Darstellungen von Frauen stellen auch einmal rein auf Äußerlichkeiten ab: "Ein dralles Weib in Dirndl und Hut". Die Schauspielerin Teri Polo ist mit Robert de Niro zu sehen, Bildunterschrift: „väterlicher Zugriff“. Ein DVD-Cover zeigt drei Frauen, sich leicht bekleidet um die Hauptperson räkelnd. Mitgezählt habe ich sie alle (zähneknirschend und mit dem festen Vorsatz, doch noch eine inhaltliche Analyse zu machen…)

Also: In Kunst und Kultur mag es bis heute eher männerlastig zugehen. Aber deutlich über 80 Prozent in fast allen Kategorien?! Das sagt in erster Linie etwas dazu aus was die Redaktion uns als Realitätsausschnitt bietet. Mein Verdacht: Die überstrapazieren die ungleiche Geschlechterrepräsentanz durch eine tradierte Themenwahl, eine personalisierte Darstellung, Stereotypisierungen von Geschlechtermustern und durch die Ausblendung von Geschlechterverhältnissen als Thema auch des Kulturbetriebs. So ein Male Bias (einseitige Darstellung zu Gunsten von Männern) könnte in einer halbwegs paritätischen Welt unschwer als Maskulinismus bezeichnet werden. Aber irgendwie regt sich darüber niemand so recht auf. Außer ich. Aber das kommt wahrscheinlich daher, dass ich einfach nicht zur Zielgruppe gehöre…

P.S.: Nachdem dieser Text fertig war, schlug ich die SZ von heute auf und siehe da: Ein Dreispalter zum siebzigsten Geburtstag von Faye Dunaway. Mit Bild! Und: Die Sängerin Catarina Valente wird achtzig Jahre alt. Auch mit Bild! Danke SZ!