Donnerstag, 27. Januar 2011

Besser kühne Thesen als falsche Aussagen

Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung hat Anfang des Monats einen Artikel über die geschlechterpolitische Position des Präsidenten der Bundeszentrale für Politische Bildung, Thomas Krüger, veröffentlicht. „Gender ist längst Mainstream – selbst in der Union“ meint der Autor Eckart Lohse (und das ist schon die erste falsche Aussage). Thomas Krüger hat im Rahmen der Eröffnung der Tagung „Das flexible Geschlecht“ im Oktober letzen Jahres eine beachtlich informierte Eröffnungsrede gehalten. Darin finden sich so schöne (und richtige) Aussagen wie: „Es gehört zu einer zeitgenössischen demokratischen Gesellschaft, mehr Freiheit zu wagen. Von hierarchiefreien Partnerschaften auf Augenhöhe und von einer geschlechtergerechteren Welt profitieren wir schließlich alle!“ http://genderkongress.blogspot.com/2010/10/eroffnungsrede-von-thomas-kruger-zum.html

Nun untertitelt die FASZ: „In der Bundeszentrale für politische Bildung vertritt der Präsident kühne Thesen über Mann und Frau. Kaum jemand regt sich auf“ - außer der Autor des FASZ-Beitrags natürlich und ein paar Männer aus der CDU/CSU und der sehr katholischen Kirche. So hat das Forum Deutscher Katholiken am 9.11.2010 Krügers Rücktritt gefordert, Zitat: „Sollen jetzt von Deutschland Theorien ausgehen, die das Wesen des Menschen zerstören, der seiner seiner Natur gemäß unverwechselbar Mann oder Frau ist?“ Ich dachte eigentlich immer wir seien Menschen, da wir - im Gegensatz zum Tier – „naturgemäß“ vernunftbegabt sind. Sollte ich mich da getäuscht haben? Wobei ich so vernunftbegabt sein möchte darauf hinzuweisen, dass der Gebrauch des Wörtchens „naturgemäß“ schon immer ein fieser Trick war, jede kontroverse Diskussion zu unterbinden. Naturgemäß hatte „die Frau“ ja auch recht lange ein so kleines Gehirn, dass sie niemals eine Universität von innen sehen sollte…

Zurück zur FASZ: Das Problem mit Gender Mainstreaming sei, dass der Begriff Gender „…von denen vereinnahmt wird, die kühne Thesen und Ideologien darüber vertreten, dass das menschliche Geschlecht nur ein Produkt autoritärer Erziehung und die Norm des heterosexuellen Zusammenlebens von Mann und Frau Ausdruck eines perfiden Repressionssystems sei". Ich würde ja gerne wissen, woher der Autor diese exotische Definition von Gender hat. Ich habe ja zu diesem Begriff promoviert und mir ist dieses radikal einfache Konzept nicht untergekommen. Wissenschaftlich gesehen, können wir also diese Aussage nicht mehr als These (weder steil noch kühn), sondern klar als falsche Aussage bezeichnen, da der Fachdiskurs diese sehr unterkomplexe Fassung nicht hergibt.

Um so näher an den real existierenden Geschlechterordnungen sind Krügers Ausführungen: „Um Gerechtigkeit und einen Austausch auf Augenhöhe zu erreichen, kann die eigene Position, die eigene Erfahrung, der eigene Körper und die eigene Sexualität nicht länger zur Norm erklärt werden, von der alle anderen Versionen als minderwertige Abweichungen gelten, die es allenfalls zu tolerieren gilt. Schließlich sind längst alle Formen des Zusammenlebens, von sozialen Beziehungen und Identitäten weitaus vielfältiger als überkommene Binaritäten und Oppositionen beschreiben können.“ (Zitiert aus der Rede, siehe Link oben)

Meine kühne These des Tages: Der FASZ-Autor hat keinen Schimmer von Gender-Theorien. Und will den auch nicht haben. Ein klassischer und ganz unnaturgemäßer Fall selbstverschuldeter Unmündigkeit.

Samstag, 22. Januar 2011

Doing Gender: Meine Niere - Deine Niere?

Im Rahmen der Jahrestagung der Fachgesellschaft Gender Studies Association in München geht es heute und morgen um das Thema Verletzbarkeiten.

Merve Winter hielt einen Vortrag zum Thema: "Doing-Gender in der Lebend-Organspende. Sind Frauen das vulnerablere Geschlecht?". Ausgehend von dem Sachverhalt, dass es eine interessante Ungleichverteilung von Frauen und Männern gibt, die zu Lebzeiten eine Niere spenden oder empfangen, fragt sie in ihrer qualitativen Forschung nach den dahinterliegenden Geschlechtermustern. Es überrascht nicht, dass Frauen häufiger eine Niere spenden und das nicht durch die Haufigkeitsverteilung von bestimmten Krankheiten von Frauen und Männern begründet werden kann. Deutlich wurde: Frauen als "vulnerables Geschlecht" zu fassen, greift viel zu kurz (und wäre meines Erachtens sowieso eine unzulässige Vereinfachung). Wer wissen möchte, wie die Verteilungen sind, warum das so sein könnte - und welche Ambivalenzen von Geschlecht das Thema hervorbringt, schaut nach unter:

http://www.fg-gender.de/wordpress/wp-content/uploads/2010/11/Abstract_Winter_FG_Jahrestagung_Verletzbarkeiten.pdf

Mehr zur Tagung und den Vorträgen: http://www.fg-gender.de/wordpress/?page_id=456

Freitag, 14. Januar 2011

Medien-Maskulinismus

Die Süddeutsche Zeitung steht für Qualitätsjournalismus und ich schätze sie eigentlich sehr. Wäre da nicht dieses Feuilleton. Das ist meistens so langweilig, dass nur noch weiterblättern hilft. Obwohl doch eigentlich gerade Kultur zu den prickelnden Bereichen des gesellschaftlichen Lebens gehört, bewerkstelligt diese Redaktion in fast allen Ausgaben eine kleine Zeitreise – und zwar in die Vergangenheit: Nachrufe, siebzigste Geburtstage, Portraits und so gut wie immer stehen weiße, alte, männliche Kulturschaffer im Vordergrund.
Deswegen stellt sich für die geneigte Leserin doch die Frage: Was verstehen die eigentlich unter „Kultur“? Und: Für wen schreiben die eigentlich? Gehöre ich vielleicht einfach nicht zur Zielgruppe?
Um dem nachzugehen, habe ich um Weihnachten herum (Urlaub!) eine kleine Analyse unternommen und einmal ausgezählt, welche Personen in den Beiträgen im Fokus stehen, wer benannt wird, wer abgebildet wird, wer schreibt. Da Alter und Bildungsgrad sowie weitere soziale Merkmale sich leider aus den Texten schwer erschließen lassen, habe ich das Geschlecht – soweit es sich aus einem Namen erschließen lässt - zu meiner Analysekategorie gemacht.
Die Gendertheoretisierenden werfen mir nun zu Recht Dramatisierung und Sex-Counting vor. Ok. Mir ist bewusst, dass das hier ein recht grobschlächtiges Verfahren darstellt, das keinen Bezug nimmt zu Inhalten, Zusammenhängen und Wertemustern. Das wäre interessant aber auch sehr zeitaufwändig. Mache ich dann, wenn ich vier Wochen Urlaub am Stück habe (nie).

Die Ausgaben vom 18.12. bis 27.12.2010 knöpfte ich mir vor (exklusive „Medien“ und „Wissen“). Jeder Beitrag wurde erfasst, auch Agenturmeldungen; insgesamt waren es 113 Texte. Hier das Ergebnis:

Kategorie
Gesamt
Anteil Männer
Anteil Frauen
Männeranteil in Prozent
1. Person im Fokus
79
70
9
88,6
2. Nachrufe/Porträts
9
8
1
88,9
3. Nennungen
755
627
128
83,0
4. Beitrag verfasst von
94
78
16
83,0
5. Abgebildete Personen/ Figuren
62
46
16
74,2

Zur Erklärung:
1.     Person im Fokus: Die Person oder die Personen, die im Titel oder Untertitel genannt sind und die es hauptsächlich in dem Beitrag geht, wurden erfasst.
2.     Anzahl der Nachrufe zu und Portraits über Männer und Frauen
3.     Anzahl der Nennungen von Männern und Frauen jeweils in einem Beitrag. Hierbei wurde die im Fokus stehende Person nicht gezählt, da bereits in einer anderen Kategorie erfasst. Auch wurde jede genannte Person in einem Beitrag nur einmal erfasst. Ausschlaggebend ist die namentliche Nennung einer Person oder Figur.
4.     Geschlecht des Autors oder der Autorin des Beitrags
5.     Abbildungen: Wenn der Beitrag mit Fotos versehen war: Geschlecht der Person oder der Personen, die abgebildet wurden. Allerdings wurden Menschenansammlungen/größere Gruppen nicht ausgezählt. Wenn das Geschlecht einer Person nicht in männlich/weiblich kategorisierbar ist, wurde sie auch nicht erfasst.

Und doch noch kleine inhaltliche Anmerkungen:
·       Bei den Nennungen wurden 17 der 128 Frauen in Ableitung von Männern genannt, also als Gattin, Geliebte, Freundin oder Tochter der im Fokus stehenden männlichen Person.
·       Zu „abgebildete Personen“: Hier kommen Frauen mit knapp über einem Viertel noch am häufigsten vor. Allerdings gibt es im betrachteten Zeitraum kein einziges Einzelporträt von einer Frau – mit Ausnahme der Figur Tamara Drew, die als Comiczeichnung abgebildet ist. Gerne werden Frauen in ihrem Bezug zu Männern dargestellt, z.B. in der Bildunterschrift: Brecht…“neben seiner Freundin Paula Banholzer“. Darstellungen von Frauen stellen auch einmal rein auf Äußerlichkeiten ab: "Ein dralles Weib in Dirndl und Hut". Die Schauspielerin Teri Polo ist mit Robert de Niro zu sehen, Bildunterschrift: „väterlicher Zugriff“. Ein DVD-Cover zeigt drei Frauen, sich leicht bekleidet um die Hauptperson räkelnd. Mitgezählt habe ich sie alle (zähneknirschend und mit dem festen Vorsatz, doch noch eine inhaltliche Analyse zu machen…)

Also: In Kunst und Kultur mag es bis heute eher männerlastig zugehen. Aber deutlich über 80 Prozent in fast allen Kategorien?! Das sagt in erster Linie etwas dazu aus was die Redaktion uns als Realitätsausschnitt bietet. Mein Verdacht: Die überstrapazieren die ungleiche Geschlechterrepräsentanz durch eine tradierte Themenwahl, eine personalisierte Darstellung, Stereotypisierungen von Geschlechtermustern und durch die Ausblendung von Geschlechterverhältnissen als Thema auch des Kulturbetriebs. So ein Male Bias (einseitige Darstellung zu Gunsten von Männern) könnte in einer halbwegs paritätischen Welt unschwer als Maskulinismus bezeichnet werden. Aber irgendwie regt sich darüber niemand so recht auf. Außer ich. Aber das kommt wahrscheinlich daher, dass ich einfach nicht zur Zielgruppe gehöre…

P.S.: Nachdem dieser Text fertig war, schlug ich die SZ von heute auf und siehe da: Ein Dreispalter zum siebzigsten Geburtstag von Faye Dunaway. Mit Bild! Und: Die Sängerin Catarina Valente wird achtzig Jahre alt. Auch mit Bild! Danke SZ!

Sonntag, 9. Januar 2011

welcome...

...im neuen Jahr und im neuen blog.

Als stolze Besitzerin der Website www.gender.de sollte ich mich mehr im Netz tummeln und deswegen jetzt endlich mal: bloggen! Als Gender-Beraterin werde ich versuchen kurzweilige informationen zu geschlechterpolitischen Themen zu platzieren, z.B. das Gender-Erlebnis des monats. So habe ich mir über Weihnachten endlich Zeit genommen einmal den kulturteil der Süddeutschen Zeitung genauer unter die Lupe zu nehmen. da ich diese Zeitung täglich lese und eigentlich gut finde, aber mich das Feuilleton doch wundert: bestenfalls langweilig und schlechtenfalls ärgerlich (ok, mit ausnahmerosinen). Ergebnisse meiner empirischen Mini-Analyse bald hier.

Ansonsten verspreche ich Reflexionen zwischen Gendertheorie und -praxis, zum Beispiel interessiert mich derzeit die Frage der Wissensproduktion und Wissenshierarchisierungen im inner-und außerakademischen Raum in dem was ich Genderdiskurs nennen würde. Wer im und wer nicht in diesem Diskurs sein darf, wäre eine erste Frage.

Nicht zuletzt immer wieder amüsant und deswegen auszuleuchten sind die Beissreflexionen gegen alles was mit Gender zu tun hat, die sich vom bürgerlichen Medienspektrum (FAZ, Fokus, SPIEGEL) zu fundamentalistischen Christ_innen bis in die deutlich Rechte Ecke ziehen - mit interessanten strukturellen Argumentationsanalogien. Da wird es wohl die ein oder andere Polemik geben - weil das mit den nüchternen Sachargumenten, das mache ich sonst den ganzen Tag als Gender-Beraterin.